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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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ANRÜCKEN DES FEINDES VOR BRESCIA

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ihm jedoch zu gefährlich, so ließ er Gatta unbehelligt ziehen. Gleichauf den ersten Stoß warf er die Brescianer Bürgerwehr, die zur Aufklärungins Gelände gezogen war, hinter die Mauern zurück. Da es jetzt Ernstwurde, erließ der Stadtrat 20 Provisionen (Erlasse) 41 erhöhter Gefechts-bereitschaft, die dem Kommandanten durch die Kriegsmeister als Richt-linien für die Hilfe der Bürgerschaft eingereicht wurden. Dies geschaham 28. September, und die Bürger verzeichneten in ihren Akten, daßBarbaro von ihren Vorkehrungen in hohem Maße befriedigt sei. Da derKommandant vier venezianische Adeligebei sich hatte, machte er sie zu denBefehlshabern der vier Forts der Stadt. Besonders wird diesen Offizierendie Auswahl der Wachmannschaften ans Herz gelegt, weil schon eineZahl von vier Verrätern genügt hätte, den Feind durch ein Tor unbemerkteinzulassen. Deshalb darf kein Mann vorher wissen, mit wem er aufWache zieht; außerdem verteilt Barbaro immer unter die unzuverlässigenLeute einige vertrauenswürdige Bürger 42 .

Das erste, was der Feind tut, ist die Ableitung der Bäche, um die Bre-scianer Mühlen stillzulegen. Barbaro ruft aber die technische Nothilfeauf, wie man heute sagen würde. Teils wird der Hausbedarf mit Hand-mühlen gedeckt, teils wird das Mehl in einer Stadtmühle hergestellt, diedurch ein in der Siele laufendes Pferd angetrieben wird. Diese Mühlestand abwechselnd den einzelnen Stadtvierteln zur Verfügung, und soschuf die Ableitung der Bäche zwar eine Unbequemlichkeit, aber keineGefahr für Brescia 43 .

Keiner der drei apokalyptischen Reiter Hunger, Krieg und Pest ver-schonte die belagerte Stadt. Das Traurigste und Entmutigendste warwohl die Seuche, die die tapfern Kämpfer von innen anfiel. Währendder ganzen langen Belagerung sprechen die Berichte immer wieder vonneuen Opfern der Pest, die glücklicherweise an Barbaro selbst vorüberging.Die ersten, die man zu Grabe trug, waren der Arzt und seine ganzeFamilie. Als die ansteckende Krankheit am 7. August auftrat, hatte manangeordnet, die Familienglieder der Kranken in einem abgelegenenSeuchenheim zu isolieren; ihre Häuser wurden verriegelt und mit Kettenabgeschlossen, damit niemand mehr hereinkönnte; doch diese Vorsichts-maßregeln halfen nichts, weitere Familien wurden von der Krankheitvertilgt 44 . Die ganze furchtbare Not des Massensterbens, wie wir sie aus