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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VOR DER ENTSCHEIDUNGSSCHLACHT

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Piccinino stellte am 29. November sein Heer in Schlachtordnung aufund bestieg einen Hügel, um zu sehen, wie weit seine Verführungs-künste gelungen sind und in welcher Zahl wohl die Bürger noch ihreStadt verteidigen. Barbaro hatte inzwischen in der Kirche die Messe an-gehört und das Gelöbnis abgelegt, so zu handeln, daß sein Vaterlandund ganz Italien ihm danken solle, ob er nun leben bleibe oder falle 58 .Er teilte sich dann in die Aufgaben des Tages mit seinem AmtsgenossenDonato; dieser möge durch die Stadt gehen und die Schwachen undWaffenlosen veranlassen, auf die nicht besonders gefährdeten Stellen derStadtmauern zu treten, damit dem Feinde nirgends die Möglichkeit ge-geben wäre, sich Brescias durch Verrat zu bemächtigen. Barbaro selbstals oberster Befehlshaber stieg in glänzender Rüstung auf sein Schlacht-roß, sprengte zu den Verteidigern und sprach ihnen Mut zu, so daß sieaus seinen Worten und seiner Gestalt die Hoffnung auf ihr Heil und ihreFreiheit leuchten zu sehen glaubten. Wo er hinritt, wollte der laute Jubelnicht enden, womit sie ihn als Vater der Stadt empfingen, die Feindedraußen aber meinten, es sei an diesen Stellen gerade Verstärkung ein-getroffen. Piccinino war von dem Anblick wenig erfreut, und es wuchsin ihm eher die Bewunderung für seinen tapferen Gegner Barbaro als dieHoffnung, die Stadt ohne große Anstrengung zu gewinnen. Er Heß des-halb für diesen Tag noch einmal zum Rückzug blasen, Barbaro dagegenerhob mit seinem Lobe die Bürger und Soldaten, die sich um ihn scharten:die Feinde hätten weniger ihnen einen Schrecken eingejagt als selbereinen Schrecken von ihnen empfangen 59 .

Man hatte damals erst begonnen, sich allgemein des Pulvers zu bedienen,das noch wenig mehr als 100 Jahre im Abendland bekannt war. DieStadt war von Anfang an spärlich damit versehen; schon drohte es aus-zugehen, als Barbaro erspähte, wann der Feind aus den nahen Pulver-mühlen einen Transport ins Lager abgehen ließ; diesem lauerte er aufund schnappte ihn so glücklich weg, daß der Feind nun seinerseits imentscheidenden Augenblick kein ausreichendes Pulver für seine Kanonenhatte, in die es zu damaliger Zeit noch lose eingeschüttet wurde. Beider-seits übte man eifrig die Kunst der Minen und Gegenminen; einmalgelang es dem Taddeo d'Este, mailändische Sappeure in die Luft zu spren-gen, aber dann hatte Italiano Furlano unbemerkt von den Brescianern