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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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238
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VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA

ausgiebig der Bildersprache des Seevolkes. Dann fährt er fort: «Wenndir aber jetzt auf dem Vorderdeck scheint, die Fluten seien besänftigtund die Winde ruhten und es sei jetzt die Zeit für dich gekommen, zumHeck und Steuerruder zurückzukehren, glaub mir, es ist noch nicht Zeit,denn schon, schon gellen noch stärkere und stürmischere Wirbelwinde umunser Schiff, deren Tosen du vielleicht noch nicht hören konntest. EineWeile mußt du noch warten, bis die Wolken sich zerstreut haben, bevorder Senat einwilligen wird, daß du ihm Brescia in den Schoß legst 80 .»Erst als Barbaro wirklich krank wird, kommt ein würdiger und war-mer Brief Leonardo Giustinianis 81 . «Obwohl ich wußte, daß du alleQualen, die ein zorniges Schicksal gegen Belagerte wüten läßt, so langeals möglich ausgekostet hast und noch auskostest, so erfrischte mich,abgesehen von deiner unbesiegbaren Seelengröße, der Glaube, daß dudich unangetasteter Gesundheit erfreutest; jetzt aber leide ich unheilbarenSchmerz persönlich und um des Staates willen, denn wie sollte ich nichtleiden, da ich den krank und hinfällig weiß, auf dem zumeist mein Glückund das Heil Brescias ruht?» Wie schon vor Beginn der Belagerungfürchten die venezianischen Großen nichts mehr als das körperliche Ver-sagen Barbaros, während sie glauben, seiner Seele jede Belastung zu-muten zu dürfen. Immerhin mag es ihm tröstlich geklungen haben, wenner in jenem Brief weiterhin las: «Bei Gott , dem Unsterblichen, wer ist soschamlos, zu leugnen, daß dein hervorragender Heldenmut und deineWeisheit am meisten jene Stadt in ihrer Treue gefestigt, sie aus demSchlünde der Feinde gerissen und für uns bewahrt haben ? Dies unsterb-liche Lob, mein Franciscus, wird dir vom Senat einstimmig zuerkannt.»Solche Briefe, in denen die Freunde in vornehmer Haltung und edlemWort miteinander wetteifern, sind die seelischen Untertöne zu den be-wegten äußeren Ereignissen dieses Jahres.

Der Feind hatte sich von Brescia weiter nach Osten gewandt, und der treue Bundes-genosse Venedigs, Herr Paris von Lodron , mußte in seinen Alpentälem jetzt dieganze Wucht des Vorstoßes aushalten. Italiano Furlano Barbaro bezeichnet ihn als«bellicosissimus» schnappte den von den Brescianern sehnlichst erwarteten Lebens-mitteltransport weg, den Gattamelata vom Nordende des Gardasees durch die Alpen-täler sandte; dies ergrimmte die Städter und ihren Kommandanten so sehr, daß sieauf schleunige Vergeltung sannen. Der Historiker für diesen Rachezug ist keinanderer als Barbaro selber. Im Augenblick nämlich, als von ihm der Druck