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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
259
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GESANDTSCHAFT BARBAROS NACH MAILAND 259

Doch nicht nur für den Herzog bekommt Barbaro Aufträge. Einer der Mailänder Kon-dottieren, den wir unter den Gegnern vorBrescia genannt haben, Luigi di San Severino,hat bei der Signorie angefragt, ob er und sein Sohn in ihre Dienste treten könnten.Es war in jenen Zeiten der Soldtruppen nichts Seltenes, daß die Söhne mit oder auchohne die Einwilligung ihrer Väter im gegnerischen Heere kämpften. Auf SeverinosGesuch erteilt die Signorie abschlägigen Bescheid, aber ohne alle Schärfe; sie über-mittelt Barbaro sehr ausführlich einen wortreichen Schwall freundlicher Entschul-digungen, womit er den enttäuschten Kondottieren vertrösten soll: man sei zwarhocherfreut über seine und seines Sohnes angebotene Dienste und man würde auchmit Vergnügen («alacri animo») seinen Sohn und die von ihm angeführten Scharen inSold nehmen, da man seiner besten Dienste versichert sei, aber er müsse doch wissen,daß die Republik schon lange sehr große Ausgaben habe und gegenwärtig sovielKriegsvolk unterhielte, daß sie eher daran dächte, es abzubauen als es zu vermehren;aber er solle sich versichert halten, daß man gegebnenfalls, wenn man wieder jemandbrauche, auf ihn zurückgreifen werde. Kurz: im Frieden bedarf Venedig keiner neuenKondottieren, aber für den Kriegsfall will man sie sich immerhin warm halten. DerAbschnitt schließt folgendermaßen: «.. .und mit diesen und andern Worten, die dirgut scheinen, wirst du dich bei ihm entschuldigen 7 .»

Ebenso bezeichnend für die militärischen Sitten der Zeit ist der nächste Punkt. Eingenuesischer Offizier: Blasius de Cerreto, der wahrscheinlich vom venezianischen insgegnerische Lager übergegangen war, hatte bei Ermolao Donata angefragt, ob er beiseiner unvermindert großen Zuneigung zur Signorie für vergangene Vorfälle von ihrVerzeihung erhielte, wenn er verspreche, daß er von nun ab ihr ganz zu Willen seinwolle; da zeigt sich die Signorie gnädig und gewillt, das Vergangene zu vergessen.Bald nach dem 7. Januar 1444 muß sich Barbaro auf den Weg nachMailand gemacht haben. Sein Gefolge bestand diesmal aus einem Notar dazu wählte er seinen Schutzbefohlenen Febo Capella 8, nebst des-sen Gehilfen und den Bediensteten, wie wir sie schon von der römi-schen Gesandtschaft her kennen. Nun zog er in die Hauptstadt seinesmächtigen Feindes, dessen Scharen er jahrelang erbitterten, heldischenWiderstand in Brescia geleistet hatte. Der Herzog lebte stets in seinerZwingburg inmitten der Stadt, im Mailänder Kastell, durch Höfe undMauern weit von der Außenwelt abgeschlossen, teils weil er für seinLeben fürchtete, teils weil er in seinem Alter so abschreckend häßlichgeworden war, daß er sich wie weiland Kaiser Tiberius nicht mehr demVolke zeigen wollte. Die Begegnung der beiden Männer war etwas soAußerordentliches für die Midebenden, daß sich die Legende um den Auf-tritt gesponnen hat. Es ist dem Inhalt nach wohl anzunehmen, daß dieGeschichte von Mailänder Seite stammt. Sie hat sich in den folgenden

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