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VIII ALTERSWEISHEIT
trotz seiner eindringlichen Warnung der Versuchung. Der feilschendeHandelsgeist und die Herrschgier behielten in der Republik die Oberhand.Die Venezianer wollten nicht auf ihre Eroberungen jenseits der Addaverzichten, die ihnen das Kriegsglück in die Hände gespielt hatte, undMailand sollte auch noch die Kriegskosten rückerstatten. Damit wardie beste Friedensmöglichkeit für die Venezianer auf lange verspielt,denn fast alles trat so ein, wie es Barbaro dem Prokurator Contariniund damit der gesamten regierenden Adelsschicht Venedigs voraus-gesagt hatte. Mailand sah sich außer von Venedig auch noch von demneu in den Krieg eingreifenden Herzog von Orleans und dem Königvon Neapel bedroht und wußte sich nicht anders zu helfen, als denGrafen Sforza unter denselben Bedingungen zu seinem Generalkapitänzu berufen, wie der verstorbene Herzog es getan hatte.Seit Graf Sforza an der Spitze der mailändischen Truppen stand, rolltedas Glücksrad für die Venezianer wieder bergab, beharrten sie dochgegen Barbaros Rat darauf, das wankelmütige Glück einem dauerhaftenFrieden vorzuziehen. Contarini hatte dem Barbaro seine Befriedigungausgesprochen, daß die Städte der Lombardei, vor allem Lodi , sich vonMailand losgesagt hätten, um Anschluß bei Venedig zu suchen. Bar-baro riet darauf, die Lodeser zwar nicht im Stich zu lassen, aber auchnicht zu sehr an sich zu fesseln, damit sie nicht ein Hindernis für denFrieden würden. In den sich nun entspinnenden Kämpfen bis Früh-jahr 1448 drängt Sforza die Venezianer wieder hinter die Adda zu-rück; nur Lodi bleibt ihnen. Die Absichten des Grafen zeigten sichdeutlich beim Einmarsch in die ebenfalls von der Republik Mailand abgefallenen Städte Pavia und Tortona , die ihm die Tore geöffnet hatten.Er ließ sie nicht Mailand , sondern sich selbst die Treue schwören mit derBegründung, es sei besser, daß zwei Städte, die nun einmal nicht zuder Republik Mailand gehören wollten, einem Freunde gehorchten alsdem Feinde. Barbaro muß jetzt feststellen, daß des Herzogs Tod denVenezianern noch mehr geschadet habe als sein Leben. Er begreift dieMailänder nicht, wie sie sich gerade dem, der ihrer Freiheit nachstellt,in die Arme werfen können, sie, die die Zwingburg ihres früheren Herrn,das Kastell in Mailand , gebrochen hatten. «Die guten Leute merkenwohl nicht, daß sie selber den Brand in ihren Eingeweiden schüren,