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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTERSWEISHEIT

des Friaul in Udine weilt, setzt auf ihre Umsicht sein besonderes Ver-trauen. Sie hätten nicht nur Gold, Silber, sondern auch Eisen, Salzund vor allem Mut ins Lager mitgebracht 32 . Er glaubt, jetzt stehe diegroße Entscheidung bevor. Die bedeutende Gestalt des großen Feld-herrn, der zum Feinde geworden ist, tritt für lange in den Vordergrundaller seiner Gedanken. Überschauen wir im Fluge, welche Haltung erbisher zu Sforza eingenommen hatte.

Die erwartungsvollen Anfänge im Jahre 1437 vor der Belagerung vonBrescia und während dieser haben wir noch vor Augen. Das soldatischeGenie dieses Feldherrn war die Hoffnung und der Stolz der Venezianer. Inseinem früher erwähnten Brief an Sforza 33 faßt Barbaro seine Ansicht überihn so zusammen: «Tua fides, aequitas et virtus universae Galliae notissimaest (deine Treue, Billigkeit und Tüchtigkeit sind in ganz Oberitalien weitbekannt).» Das sind keine hohlen Worte, mit denen er den Grafen um-schmeichelt: Barbaro nahm ernst, was er einmal ausgesprochen hatte.Nur wenn spätere Ereignisse vollkommen dawider sprachen, wich ervon seiner einmal gefaßten Meinung ab. Treue und Billigkeit kann einso großartiger Abenteurer wie Sforza der Stadt Venedig, wo er nieheimisch wurde, nicht halten; seinen Tadel darüber vom venezianischenRechtsstandpunkt aus hat Barbaro nicht verhehlt. Seine Enttäuschungüber den Abfall Sforzas wird nur von seinem Unwillen über die unge-schickte venezianische Politik übertroffen, die Sforza scheinbar ins Rechtsetzte. Wie für Barbaro die folgenschweren Entscheidungen vor Cara-vaggio zu einer göttlichen Prüfung werden, zeigt ein Brief vom 18. August1448 34 . Er ringt damals mit sich, ob er gegen oder zum Kampf raten soll,und fragt, ob Gott den gerechten Waffen (pia arma) der Venezianer gnädigsein werde. Im Augenblick, als er sich innerlich dazu entscheidet, daß ersich diese Gnade erwünschen dürfe, weil auf den eigenen Fahnen Treue,Gerechtigkeit und Freiheit ständen, auf denen des Gegners aber Treu-losigkeit, Ehrgeiz und Herrschgier, da fällt ihm die neuste, durchausnicht uneigennützige Politik seiner Landsleute ein, und er betont nocheinmal seinen ursprünglichen Standpunkt: «Das wünsche ich nicht, damitunsere eigene Herrschaft sich noch weiter ausbreite, sondern damitendlich einmal die Willkür der Waffen, die Straflosigkeit (beim Ziehen)der Schwerter, Mord und Raub, Brandschatzung von Städten und