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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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277
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VENEZIANISCHE NIEDERLAGE BEI CARAVAGGIO 277

Ächtungen von Bürgern aufhören, und damit in Italien diejenigen Leute,die nicht siegen können, ohne viele zu vergewaltigen, und die auchnicht gelernt haben, über sich und andere gut zu herrschen, Friedens-bedingungen annehmen.» In der Vorstellung Barbaros hat Sforza schonganz den Platz des Herzogs Filippo Maria eingenommen, deshalb treffenihn auch die nämlichen Vorwürfe. Dies kommt aber nur der gleichenGegnerschaft zu, denn Barbaro weiß wohl, daß Sforza eine viel freiereund großzügigere Gestalt ist als der letzte Visconti.Im fernen Udine ergreift Barbaro erneut die Unruhe um das Schicksaldes venezianischen Heeres; sie raubt ihm den Schlaf: «so wie wir es vonSamuel lesen, als sein Volk in den Streit auszog», schreibt er an die beidenProweditoren im Lager 35 . Ein seltsam ahnungsvoll gewähltes Beispiel!Sollte Barbaro ebenso wie Samuel im Tempel von der Vorahnung derNiederlage der Seinen gequält worden sein ? Der Brief läßt es vermuten,denn während Barbaro noch am Vortage zum Kampf anspornte, scheint esihm jetzt, als ob es Sforza nicht so sehr auf die Eroberung der unbedeuten-den Festung Caravaggio abgesehen habe, als auf dieZusammenballung allerseiner Streitkräfte an diesem Punkte, um bei günstiger Gelegenheit los-zuschlagen. Die Proweditoren sollten sich j a hüten, ihm diese zu bieten!Hellsichtig versetzt sich Barbaro in die Gedankengänge Sforzas: diesemkönne aus keinem andren Grunde an dem elenden Flecken gelegen sein,als um vielleicht den Namen Caravaggio durch eine gewaltige Niederlageder Feinde zu adeln. Es gehe dem Sforza jetzt ums Ganze, um die Herr-schaft in Oberitalien ; mit seinem unanzweifelbaren Mut werde er die Ge-fahr nicht meiden und selbst sein Leben einsetzen, wenn ihm solcher Ruhmwinke. Barbaro, der aus der Ferne so klar wie keiner der Beteiligten ausder Nähe sah, warnt eindringlich vor vorschnellen Entschlüssen: vorallem solle man nichts tun, was der Feind wolle und wozu er offenbarherausfordere; man dürfe sich von ihm nicht das Gesetz des Handelnsvorschreiben lassen. Fabius Maximus Cunctator habe den Ausspruchgetan, daß weder leere Ruhmsucht noch falsche Furcht vor Schande denFeldherrn vom wahren Wege abbringen dürfe. Nach einem unent-schiedenen Scharmützel lagen sich die beiden Heere vier Wochen languntätig gegenüber, bis sich die Venezianer zu der Unvorsichtigkeit hin-reißen ließen, einen Überfall auf das feindliche Lager zu unternehmen,