BESONNENHEIT BARBAROS NACH DER NIEDERLAGE 279
unheilvollen Flucht schuld seien, als ob sie den Staat nicht beinahe anden Abgrund gebracht, ihn vielmehr gerettet und gemehrt hätten! «Ge-s chichte dieser Staatsaktion »nenne er das, ob er aber wirklich Geschichtegeschrieben habe, das überlasse er, Barbaro, dem Urteil anderer. Die Vor-fahren hätten freilich zum Gesetz der Geschichtsschreibung erklärt:nichts Wahres verschweigen, nichts Falsches behaupten. Für BarbarosBeurteilung eines Feldzuges ist mehr der vorbereitende Plan für dieFührung als der schließliche Ausgang des Kampfes maßgebend. Weraber den Oberbefehl im Kampfe mit dem Feinde führe, dem stehe nichtsschlechter an als unbesonnene Tollkühnheit. Tommasi entschuldigtesich sofort für seinen unwahren Bericht, aber Barbaro bleibt bitter 37 :was einmal in aller Welt verbreitet sei, das könne man nicht mehrungesprochen machen, es sei denn, er wolle nach Art des Augustinus öffentlich widerrufen. Tommasi hatte sich dadurch blenden lassen, daßman in Venedig seinen Brief sehr schön fand; dafür wird er jetzt umso schonungsloser von Barbaro angegriffen: «Was zu tun ist, wirst duwohl von selber wissen; du kannst dich ja mit jenen hochernsten Leutenberaten, die — um deine Worte zu benutzen — so hoch gelobt haben,daß eine von andern schlecht geführte Sache von dir vortrefflich be-handelt worden sei!» Tommasi solle sich hüten, die Venezianer inseinem Schlachtgemälde heldenhafter kämpfen zu lassen, als es sich mitder Wahrheit vertrüge und sie selber im offnen Felde sich betragenhätten, da doch allgemein kund sei, wie die venezianischen Kräfte teilsaus Unklugheit teils aus Feigheit zusammengebrochen seien. Auf derandern Seite wäre es gar zu billig, die Taten des Feindes zu verkleinern.Wenn Parma, Tortona und Alessandria zum Grafen Sforza abgefallenseien, so habe der Graf dies wirklich nicht etwa dem Glück — wieTommasi schriebe, sondern vielmehr das Glück dem Grafen Sforza zuverdanken. — Barbaro macht es tiefen Eindruck, und er preist die Hoch-sinnigkeit des Grafen, daß diese nach einer glücklichen Schlacht sichgleich zum Frieden mit den Venezianern herbeiläßt. Die Adda solltekünftig die Grenze sein, und Venedig verpflichtete sich, dem Grafenzur Erlangung des Mailänder Herzogshutes behilflich zu sein. AuchBarbaro läßt jetzt die Mailänder, die in Feindseligkeit gegen seine Vater-stadt verharren, fallen. Weil sie sich in inneren Parteikämpfen zerreißen,