BARBAROS BEURTEILUNG SFORZAS
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einen Pfeilschuß getroffen sein Leben ließ, hatte den Venezianern dasHeer unversehrt erhalten, wie es Barbaro von ihm verlangte.Der Brief an Gentile hatte noch ein Nachspiel. In Venedig, wo die Ab-schrift gegen des Verfassers Willen als ein humanistisches Prunkstückherumgereicht wurde, nahm man Anstoß, daß Barbaro die Vorzüge desfeindlichen Herzogs ehrend erwähne, statt ihn zu beschimpfen und alsVerräter an der venezianischen Sache zu brandmarken. Wir hörten schon,wie erzürnt man in Venedig auf Sforza war; nicht nur den Bau desPalastes stellte man ein, man sandte auch Giftmörder gegen ihn aus. —Barbaro verteidigt sich gegen jenen Vorwurf, er vergegenwärtigt nocheinmal, was er über den Herzog gesagt hat, und fügt zu, daß all dies vorgerechten Richtern wahr sei. Die unanzweifelbaren Vorzüge des Herzogskönne auch er «salvo officio» nicht leugnen. Im übrigen sei es nichtseine Aufgabe gewesen, mit Schmähungen jemandes Ruf zu verletzenund gegen die Wahrheit herabzuziehen, sondern es sei seine Pflichtgewesen, den Feldherrn des venezianischen Heeres zu mahnen, sich nichtdurch Waffen besiegen oder durch List überwinden zu lassen. «Auchvor dem Feinde im Kriege ist ein gewisses Recht zu achten, das manohne große Tücke nicht verletzen darf.» Dafür biete die altrömische undauch die zeitgenössische Geschichte Beispiele genug 42 . — Es ist eine alteWahrheit, daß Urteile ebensoviel über den Beurteiler als über den Be-urteilten aussagen. Ein schöneres Zeugnis für vornehme Gesinnung alssein Urteil über Sforza in all den wechselvollen Lagen, bei denen er nieden großen und heldischen Menschen im Gegner vergaß, konnte sichFrancesco Barbaro nicht ausstellen.
Nach dem Verhalten Barbaros den Feinden seiner Vaterstadt, den Her-zögen von Mailand , gegenüber, gilt es noch, seine Stellung zu den poli-tischen Freunden zu betrachten. Der Name, der für die Nachwelt hier denbesten Klang hat, ist der des großen Cosimode'Medici, der von Jugendauf mit dem venezianischen Freund in Treue verbunden war und ihn nochlange überlebte. Von ihren gemeinsamen Jünglingsträumen, wie sie zu-sammen mit Niccoli auf die Handschriftensuche nach Palästina reisenwollten 43 , haben wir früher schon gehört; Cosimos Vater war dagegen,weil er des Sohnes Hilfe in dem großen von den Medici betriebenenBankhaus bedurfte. Bald (1420) sahen wir Cosimo auf seiner ersten