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VIII ALTERSWEISHEIT
Verhältnissen ein Heiliger der katholischen Kirche sich bildet und wiesein Leben sich in den Augen seines Neffen, also wieder eines veneziani-schen Edelmannes, spiegelt. Bernardo, der als namhafter Geschichts-schreiber eine gewandte Feder führte, berichtet in großer Ergriffenheitund heiliger Scheu. Lorenzo wurde 13 81 geboren, am Sieges tage, alsder Retter Venedigs, der Admiral Carlo Zeno, die Genuesenflotte beiChioggia vernichtete und so den langen Seekrieg siegreich für die Vene-zianer abschloß. Aus der ganzen Stadt hoben sich Dankgebete, undalles jubelte über die Befreiung. So auch die junge Mutter. Ihr erstesGebet galt dem Danke dafür, daß sie in Freude gebären durfte, was sie inLeid und Gefahren getragen hatte. Als venezianische Edelfrau erflehtesie für ihren Erstgeborenen, daß er einstmals den Feinden ein Schrecken,den heimischen Bürgern aber zum Heil werde. Dies sollte sich in ganz an-derer Weise erfüllen, als sie gewähnt hatte. Als Kind zeigte Lorenzo eineeigentümliche Anmut. Sein Neffe wählt dafür einen bezeichnend huma-nistischen Ausdruck: morum elegantiam singularem. Als er 21 Jahrealt war, in dem Alter, in dem die Lockungen des Fleisches den Lebens-weg des Menschen vor eine Entscheidung stellen, da hatte er einehimmlische Erscheinung, von der er selber berichtet: «Ich war eures-gleichen und suchte Frieden vor den heißen Trieben in äußeren Zer-streuungen, doch fand ich ihn nicht. Da erschien mir eine Jungfrau,strahlender als die Sonne, deren Namen ich nicht kannte. Sie trat herzumit lieblicher Gebärde und redete mich freundlich an: <0 lieber Jüngling,warum erschöpfest du dein Herz und schweifest weit umher, um deninneren Frieden zu finden ? Bei mir ist das, wonach du strebst. Dir gelobeich mich an, wenn du mich zur Gattin haben willst).» Es ist die göttlicheWeisheit, die propter hominum reformationem menschliche Gestalt an-genommen hat. Diese Vision erinnert sehr an die Erscheinung der Philo-sophie im Kerker des Boethius und blieb gewiß nicht unbeeinflußt vonihm. Lorenzo befleißigt sich hierauf eines strengeren Lebenswandels,und die Mutter überrascht ihn, wie er für sein Lager harte Bretter wählt.Um seinen Entschluß auf die Probe zu stellen, plant sie, den Sohn zu ver-heiraten, doch flieht er erschreckt und tritt ins Kloster ein. Dort beginnter eine strenge Askese. Wenn er von seinen Brüdern nach Hause ein-geladen wurde, lehnte er ab, mit den Worten: «Wie sollen wir die Hitze des