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VIII ALTERSWEISHEIT
wird 74 .»Barbaro nannte die Brescianer schlechthin < mein Volk >, und Fos-carini weiß zu berichten, daß man noch täglich von Barbaro in Brescia spreche: «Denn sooft ich von deinen Taten höre, und ich höre fast jedenTag davon, scheinen sie nicht die Entschlüsse eines ein2elnen berühmtenMannes zu sein, sondern die des gesamten Senates. Ich würde also fehl-gehen und vom ganzen Plan meines Lebens abweichen, folgte ich nichtdeinem Rate. Dich habe ich mir als Beschützer, Leiter und Lenker fürjede gute Tat, die ich vollbringen will, erwählt. Ja, dir und deinen ver-ehrungswürdigen Sitten suche ich, soweit meine Kräfte (ingenii meivires) reichen, stets nachzueifern und ich höre niemals auf, sie zupreisen. Weil ich dich unter den Besten mir erlesen habe, mehr alsCato den Fabius Maximus , so habe ich mich ganz deinen heiligenMahnungen hingegeben und verehre stets deine Spuren. Aus diesemGrunde halte ich beständig für das Gerechteste und Sicherste, was du indeiner höchsten Weisheit zu tun beschlossen hast 75 .» — Mit solcher Treue,wie sie ihm Zacharias Trevisano und Lodovico Foscarini bewiesen,wurde die Pietas des Francesco Barbaro gelohnt, wurde seine unermüd-liche Fürsorge für die heranreifenden venezianischen Staatsmänner er-widert, die den Eindruck seiner großen Persönlichkeit unverblaßt be-wahrten und weiterleiteten. Das nämlich ist der wahre Sinn des Nach-ruhmes, daß der überragende Mensch sich so wie Francesco Barbaro imLeben verdoppelt und vervielfacht und in andern ihn hebenden undverehrenden Menschen nach seinem Tode fortlebt.Eine wichtige Seite der politischen Wirksamkeit Barbaros ist bisher nurgestreift worden: sein Verhältnis zur kurialen Politik, seine Einfluß-nahme auf die Entschlüsse der Päpste und Kardinäle. Obwohl er währendseiner ganzen Staatslaufbahn mit Rom in regem Gedankenaustauschstand, sei seine politische Haltung erst hier an letzter Stelle zusammen-fassend gewürdigt, weil sie mehr als die venezianische Politik über dieitalienischen Landesgrenzen hinausdeutet und ihn gegen Ende seinesLebens zu einem Staatsmanne reifen läßt, der die gesamt-europäischePolitik im Auge hat und überschaut. Ebenso wie Barbaro in Florenz stets einen Vertrauensmann hatte, der ihm über die dortigen EreignisseNachricht gab, so steht er seit dem Beginn seines Wirkens mit den ein-flußreichsten Staatsmännern der Kurie in Verbindung: zuerst mit dem