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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTERSWEISHEIT

könne. Bei solchen Verhandlungen könne Ermolao Klugheit und Treuezur Heimat mit dem Nutzen der römischen Kirche verbinden, freiüchmüsse er als Legat Zeugnis von der Milde und Freundlichkeit des Sum-mus Pontifex ablegen, nicht von dessen Strenge. Der Papst war abernicht willens, nachzugeben, und so verschärften sich die Gegensätzezwischen Rom und Venedig. Im nächsten Brief muß Barbaro dem Neffenmitteilen, daß die Signorie allen geistlichen Würdenträgern aus venezia-nischem Gebiet, welche sich jetzt zur Kurie hielten, also auch Ermolao,die Pfründen sperre. Barbaro will mit seinem Neffen nicht darüber rech-ten, ob diese Verfügung richtig und der Ordnung gemäß ergangen sei.«Ich schreibe es dir aber, daß du deiner Einsicht entsprechend entscheidest,was du tun mußt. Es lassen sich nämlich viele Gründe nach beiden Seitenvorbringen, denn was du an der Kurie ohne Benefizien und ohne Kuriemit Benefizien ausrichten kannst, das weißt du sehr viel besser als ich. Sedego is sum qui patriam colo et amo summa cum pietate. (Ich bin einer, derdas Vaterland hochhält und mit stärkster Hingabe Hebt.)» Dann regt sichder Zorn Barbaros gegen die Günstlingswirtschaft an der Kurie. Erkönne die Undankbaren nicht hochschätzen, die den Neffen schon vieleJahre mit leerer Hoffnung hinhielten und (Plebejer), sogar wenn diesedurch Laster berüchtigt seien, dem Ermolao, dem Sproß aus patrizischemHause, dem sie in keiner Hinsicht gewachsen seien, vorzögen. Er schreibedies nicht, weil er ihr Feind sei, sondern nur, weil er sie für minderwürdig der Freundschaft Ermolaos halte, besonders wenn sie auf Seitender Staatsfeinde träten. Im übrigen müsse Ermolao selber entscheiden.Francesco meint, daß es dem Neffen unfehlbar wie jenem Jüngüng er-gehen werde, der Sokrates fragte, ob er heiraten solle oder nicht. Nach-dem er dies nach den zwei Möglichkeiten erörtert habe, sei Sokrates zudem Schlüsse gekommen: Was von beiden du auch tun wirst, du wirstes bereuen! Er schließt: «Nimm es nicht übel, wenn ich meinen Ratnicht näher ausführe, denn wenn du schon überlegt hast, dann ist ernicht mehr nötig, wenn du aber noch nicht überlegt hast, dann ist es,glaube ich, besser, du hast der eigenen Schuld zu verzeihen, als meiner.»Barbaro läßt die Frage offen, da es nach seiner Meinung eine befriedigendeLösung nicht gibt. Bei allem Verständnis für die schwierige Lage desNeffen gibt er ihm doch deutlich zu verstehen, daß er, Francesco, weder