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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
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Minister Scheffer, der mich im Schlafrockc empfing, gemachthatte, wnrdc ich auch am 27. April 1857 znm 2. RepetentenVvm Kurfürsten ernannt. Damit war mein Wunsch, weiterstudieren zu können, erfüllt, wenn auch die Aussichten, michfür Kirchen- oder Profangeschichte zu habilitieren, nach deinTode meines guten Vaters aus Geldmaiigel von vornhereinnur schwache waren. Glücklich, wieder in Marburg zu sein,unterzog ich mich mit Liebe der Arbeiten meiner neuen Lebens-stellung, erteilte den Stipendiaten Repetitorien in alt- undnentestamentlicher Exegese, mit Vorliebe aber in der Kirchen-geschichte, die ich nach Gieseler noch einmal ganz durcharbeitete.

Damals gehörte es noch zu den Obliegenheiten der Re-petenten, zwei Stunden täglich auf der Universitätsbibliothekzu arbeiten. Der Dienst hier war leicht und ließ mir Zeitzu privater Arbeit. Er führte mich, was fast noch wichtigerwar, in engeren persönlichen Verkehr mit meinen früherenLehrern, den Bibliothekaren Henke und Gildemeister. Dieser,ein Gelehrter, wie ich keinen zweiten an Umfang des Wissensund kritischer Schärfe auf alten philologisch-historischen undtheologischen Gebieten kennen gelernt habe, gab mir dannund wann eine bibliothekarisch-literarische Untersuchung auf,um mich systematisch znm Bibliothekar auszubilden. Es gelangmir aber nicht immer seinen Wünschen zu genügen. Abermeine Literatnrkenntnisse wurden auf diese Weise sehr gefördert.Auch zu Zelter trat ich in nähere persönliche Beziehung. DerGegensatz gegen A. Vilniar, der die protestantische TheologieNils einen Zustand zurückschrauben wollte, den sie kaum imnachreformatorischen Jahrhundert geteilt hatte und der vonKritik der biblischen Bücher gar nichts wissen wollte, mußtealle, auch die friedliebendsten Geister, wie Henke, znm Wider-stand gegen diese Rebarbarisiernng der Theologie vereinigen.Hatte ich schon 1855 in Aufsätzen derDarmstädter AllgemeinenKirchenzeitnng" und derZeitschrift für christliche Wissenschaftund Leben" zu schriftstellern begonnen, so setzte ich das jetzt indeicKrenzboten" fort. Aber gegen die rückläufige Strömung