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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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unter den Theologen, die von der Regierung unterstützt wurde,sowie gegen die rein willkürlichen Versuche, der niederhessischcnKirche einen ganz anderen konfessionellen Charakter zu »in-dizieren, als sie jahrhundertelang sich selbst beigelegt hatte,halfen keine wissenschaftlichen Gründe. Im Kirchenregimenlzu Kassel saßen die Vilmarianer, und den zukünftigen Pfarr-herrcn war es bequemer, ihr Wissen mit dem Standpunkte derKonsirmanten in Einklang zu halten, als sich durch die Er-gebnisse der Wissenschaft beunruhigen zu lassen.Der Kampfzwischen Glauben und Unglauben wird nicht durch die Wissen-schaft, sondern durch die Praxis entschieden werden," hatteschon H. I. Thiersch einmal gesagt. Mir aber war dieseVerzweiflung an der Wissenschaft immer weniger nach Sinn.Sie schien allem Fortschreiten der menschlichen Kultur zuwidersprechen und nur einem Ubergangsznstande der religiösenEntwickelung natürlich entsprungen zu sein. Ich arbeitete alsoweiter und besuchte wohl auch ein Kolleg. Mit großem Genusseund wirklichem Gewinne, namentlich in Erkenntnis der strengkritischen Methode, hörte ich mit K. und F. Jnsti, dem Orien-talisten Ed. Vilmar und meinem Bruder Theodor ein Priva-tissimum, das uns Gildemeister auf meine Bitte in einemWintersemester vierstündig über die johanneische Apokalypse las.Mit meinen Freunden, von denen ich nur den nachherigenAnatomen und Ästhetiker W. Henke, den Mediziner O. Hensingcr,den Kunsthistoriker K. Jnsti, den Physiker Ad. Wüllner nennenwill, unterhielt ich einen regen wissenschaftlichen und heiterenVerkehr. In Verbindung mit ihnen und unter Unterstützungangesehener Professoren der Universität wurden damals auchin Marburg die ersten öffentlichen Vorlesungen vor einemgemischten Publikum zustande gebracht. Ich hielt am 3.Januar 1860 den 3. Vortrag über die Entstehung und dieFortbildung der Sage von der Wiederkunft Kaiser Friedrichsdes Stanfers, in dem ich ganz bestimmt den Ausgang derSage von der Person Kaiser Friedrichs II. darlegte. DerGegenstand kam meiner patriotischen Stimmung entgegen und