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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Vorteile herauszuschlagen. Anders empfand mein althessischerKonkurrent. Mein Bruder schrieb mir, wenn ich noch etwaserreichen wolle, müsse ich mich eilen. Ich ging nach Kassel und setzte Herrn von Möller die Sachlage auseinander. Erbedauerte, mir nicht mehr helfen zu können, denn an demMorgen desselben Tages habe er das Anstellnngsdekret meinesKonkurrenten unterschrieben, er wolle mir aber, als vonMax Dnncker an ihn empfohlen, gern gefällig sein. Als ichihm sagte, er möge mich an ein Gymnasium versetzen, wozuich nach alter Tradition als ehemaliger Repetent ein gewissesAnrecht habe, versprach er mir das. Am 1. Angnst zog ichdann wirklich als Gymnasial-Hilfslehrer mit 1500 M. Gehaltnach Rinteln .

Es sind zehn erfreuliche Monate gewesen, die ich indein alten Univcrsitätsstädtchen an der Weser verbracht habe,obwohl ich nur eine noch dazu recht erbärmliche Jnnggesellen-wohnung in ihm finden konnte. Das Gefühl, wieder festenBoden unter den Füßen und eine bestimmte Aufgabe vor mirzu haben, trug wohl dazu bei, meine Stimmung zu hebenund mich geschickt zur Arbeit zu machen. Der Gymnasial-dircktor Rieß, ein vielseitig gebildeter, ausgezeichneter Mann,nahm mich freundlich auf, und bald hatte ich mich in denneuen Beruf gefunden. Nach einer Seite hin waren die Zu-stände des Gymnasiums ideale zu nennen. Ich wurde Or-dinarius in Quinta, der stärksten Klasse der Schule. Dennsie hatte 18 Schüler! die Realtertia hatte deren nur 5! Warendiese nun auch im allgemeinen nicht sehr begabt und etwaslangsam, so hatte man doch mit der Disziplin keine Schwie-rigkeiten und brauchte nicht allzuviel häusliche Arbeiten auf-zugeben. Denn man konnte die Aufmerksamkeit während desUnterrichts leicht erzwingen und sparte damit den SchülernZeit und Mühe für die Präparation. Ich gab lateinischen ,deutschen und Religionsunterricht in den unteren Klassen,von Ostern 1867 an Geschichte in den oberen. Mein Ver-hältnis zu den Lehrern, die sämtlich alter waren als ich, war