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getreten, der bis dahin dem Wesen des deutschen Stndenten-tnins fern lag.
Doch ich will hier nicht anf diesen Gegensatz von sonstund jetzt im äußeren Stndentenleben, so schwer er sich auchjedem, der sich der alten Zeiten noch lebhaft zu erinnern ver-mag, von selbst aufdrängt und zu einer dnrchgeftthrtcren Dar-stellung unwillkürlich auffordert, näher eingehen. Die Ent-stehung desselben ist ja auch eine zum Teil ganz unvermeid-bare gewesen. Wir sind in Deutschland in dem letzten halbenJahrhundert viel wohlhabender geworden und der äußereZuschnitt der Gesellschaft ist durch den Einfluß des Militärs,dem so viele Studenten selbst angehören, und die ganz ver-änderte Stellung, die dieses namentlich seit 1870 im Lebender Nation einnimmt, ein anderer geworden. Er hat nament-lich auch aus das Stndentenleben sehr stark eingewirkt. Undwie hat sich die gesamte geistige Atmosphäre von damals bisanf den heutigen Tag verändert und verändern müssen, nach-dem unsere gesamten politischen, sozialen und kirchlichen Zu-stände vielfach von Grund aus umgestaltet worden sind! Undwenn die Jugend auch nicht neue Geistesströmnngcn schafft,so stellt sie sich doch ihnen gern und laut zur Verfügung undfördert sie. Wir schwärmten vor 50 Jahren für Ideale, diejetzt Realitäten geworden sind. Aus den engen äußeren Ver-hältnissen eines Kleinstaates hervorgegangen, schauten wir nachdem großen deutschen Reiche sehnsüchtig aus. Die großeBewegung der deutschen Volksseele, die zur Revolution desJahres 1848 geführt hatte, war 1850 schon sehr stark imAbflauen begriffen.
In Kurhcssen war der Kampf auf Leben und Todzwischen Hassenpflug und der Stündekammcr entbrannt, derSieg der Reaktion in Kirche und Staat kaum noch zweifel-haft. Die Marburgcr Studentenschaft, die 1848—49 wennauch nicht gerade revolutionär, jedenfalls aber in ihrer Ma-jorität radikal gesinnt gewesen war, so daß doch einige Hitz-köpfe sich an dem badischen Aufstande mit den Waffen be-
Hartwig, Aus dem Leben. 4