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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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tciligt hatten, war ruhiger worden. Es war freilich keineswegsein Umschlag in das entgegengesetzte Extrem erfolgt, manverwünschte die neue Wendung der deutschen Geschicke, diePreisgabe Schleswig-Holsteins und das Vorgehen Hassen-pflugs gegen die Verfassung, jedoch ohne sich stärker darüberaufzuregen. Eine Abspannung der Gemüter war eingetreten.Sie kam den Studien zu gute. Ich stürzte mich wirklich insie, von der Neuheit des hier mir Gebotenen lebhaft angeregt.Nach einigem Bedenken war ich in die Verbindung Wingolfeingetreten und fand in ihr eine ganze Anzahl tüchtiger,fleißiger und nichts weniger als kopfhängerischer Freunde. DieVerbindung hatte insofern einen spezifisch christlichen Charakter,als es unmöglich gewesen wäre, Juden in sie aufzunehmen,an denen sich damals weder die vornehmsten Korps noch dieVerbindungen stießen. Auch würde es auf die Dauer kaumeinem Katholiken möglich gewesen sein, in den Wingolf ein-zutreten, obwohl es in einzelnen Fällen dennoch geschehen ist.Aber eine starre Orthodoxie herrschte damals im Wingolfnicht. Freilich waren einzelne Wingolfiten, Schüler A. Vilmars,von dessen politischen und kirchlichen Grundsätzen durchdrungen.Aber sie übten doch keine Alleinherrschaft. Als sie diese ansich reißen wollten und im Winter 1850 auf 1851 als dieStrafbahern Marburg besetzt hatten und deren Kommandeuralle Vereine und Verbindungen aufgefordert hatte, um ihrFortbestehendürfen sich bei ihm zu melden der erste Char-gierte, ohne den Konvent zu fragen, dieser Aufforderung, diesich nicht auf Studentenverbindungen beziehen konnte, auspolitischer Liebedienerei nachgekommen war, erklärte eine ganzeAnzahl von Mitgliedern ihren Austritt. Sie wollten sich nichtals Anhänger der reaktionären Partei bekennen und begrün-deten dann eine BurschenschaftGermania". Spezielle poli-tische Zwecke wollte man in ihr nicht verfolgen, sondern un-ter sich den nationalen Gedanken Pflegen und sich gegenseitigwissenschaftlich fördern und amüsieren. Es kennzeichnet dieStimmung in ihr, daß der einzige Marburger Student, der