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liehen und kulturellen Zustände Kurhesseus mich 1850. Inder Kirche herrschte die Orthodoxie Vilmars, Philologen gabes nur noch sehr wenige. Wer sollte nun bei Zelter hören?Es gehörte für einen Theologen schon ein gewisser Mutdazu, die Vorlesungen Zelters zu besuchen. Vilmar hatteüberall seine Zuträger. Marburg war doch trotz seiner aus-gezeichneten Gelehrten nur Landcsuniversitüt des kleinen Kur-staats geblieben.
Nicht besser, eher noch schlimmer als Zelter erging esTheodor Waitz , der sich unendliche Mühe mit seinen Vor-lesungen gab, sie wirklich memorierte. Er klagte daher aucham meisten über die große Arbeit und die geringe Wirksam-keit. Nimmt man nun noch hinzu, daß sich, ich kann es mirnicht anders erklären, die Abspannung des gesamten öffent-lichen, politischen und geistigen Lebens in Hessen , die natur-gemäß nach den Ereignissen Pon 1850 eintreten mußte, als einedrückende Atmosphäre auch nach und nach über die gesamteHochschule des Ländchens lagerte und das wissenschaftlicheLeben auf ihr stark beeinflußte, so wird man es begreifen,daß die nicht allzu folgenreiche Wirksamkeit der bedeutendenLehrer nicht twn ihnen verschuldet war und manche Disziplinauf ihr kaum wissenschaftlich betrieben wurde.
Die Juristen waren es ja schon längst gewohnt, ihreHanptvorlcsnngen in Heidelberg und Berlin zu hören. DieMediziner besuchten zur Ergänzung ihrer Studien auch viel-fach fremde Hochschulen. Sie brachten Wohl allerlei An-regungen mit. Die armen Theologen und Philologen triebenin Marburg dagegen ihr Brotstudium von 1850 an immereinseitiger und beschränkter. Nur im chemischen Laboratoriumentwickelte sich nach des ausgezeichneten Lehrers R. BunsenAbgänge 1851 unter dessen Nachfolger Herman Kolbc nocheine dauernde Nachblicke.
Und nicht dem persönlichen Verhalten der Professorengegen ihre Zuhörer waren deren Mißerfolge, wenn ich sosagen darf, zuzuschreiben. Sie lasen eifriger und länger als