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vnter in hessische Kriegsdienste gekommen war, wnrde meinFreund in Kassel geboren. Sein Vater, der erste konstitu-tionelle kurhessische Kriegsminister, war ein sehr gebildeterMann, der mehrere moderne Sprachen beherrschte. Als erGouverneur des Kasseler Kadettenhauses war, verkehrte vielin seiner Famile der nachher so berühmt gewordene I. vonRadowitz. Mit einer Frau der französischen Kolonie in Kassel ,wenn ich nicht sehr irre, einer geborenen Raffn: i) nicht glück-lich verheiratet, lebte er später von seiner Familie getrennt.Aber glückliche Jngendjahre hatte mein Freund doch noch imelterlichen Hanse genossen und etwas von leichten: fran-zösischem Blute regte sich noch in dem sonst ernsten, stetsirgendwie beschäftigten Manne. War er besonders guter
Laune in seiner Familie, z. B. an einen: Silvesterabend,dann ließ sich der hohe Sechziger etwa eine alte Gitarreholen, rückte sein Käppchen auf ein Ohr und sang alte fran-zösische Chansons, die seine Vorfahren wohl noch aus Frank-reich mitgebracht hatten, als sie bei der Aufhebung des Ediktsvon Nantes von dort flohen. Mich rührte das nin so mehr,als ich mir sagte, daß der greise Sänger vielleicht der letzteHngcnottensprößling sei, der in Hessen solche Lieder, die vonMund zu Mund von den Cevennen oder der Loire her sichforterhalten hatten, zu singen verstand, denn ich habe sonstnie von Refugics solche Liebchen singen hören. Sie klangenmir wie der letzte Aushauch eines nicht unbedeutenden, aberdoch fremden Lebenselements in meiner Heimat. Väter-licherseits, wie gesagt, einer der norddeutschen Landsknechts-familicn ungehörig, die in der hessischen, übermäßig zahlreichenArmee als Offiziere dienten, — sein Großvater hatte beiCulloden mitgefochten, war mit in Amerika gewesen und 1799in den Niederlanden geblieben — war natürlich auch G. vonCochenhausen, wie sein Bruder, in den Militärstand getretenund bald zu kartographischen Aufnahmen neben dein Oberst
l) Vielleicht auch Nassem.