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von ihm etwas näher auf seine komplizierte Natnr eingegangenwerden.
Die Daten von A. Vilmars äußerem Leben, die z. B.in dem Artikel der Allgemeinen deutschen Biographie «) ziem-lich richtig angegeben sind, setze ich voraus und berichtigehier nur die Behauptung, Vilmar sei Dr. tlreol. gewesenund es wäre seine wissenschaftliche Entwicklung vielleicht eineandere geworden, wenn er 1855 in die philosophische Fakul-tät zu Marburg übernommen worden wäre. Vilmar wäredas erstere wohl sehr gerne gewesen, aber er konnte vonkeiner lutherischen Fakultät promoviert werden, da er janominell reformierten Bekenntnisses war; und die unicrtenund reformierten Theologen hüteten sich wohl, den konfessionelllutherischen Hierarchcn zu ehren. Der Kurfürst von Hessen hatte ihn schon 1855 als Literarhistoriker in die philosophischeFakultät versetzt und nur auf seinen eigenen Wunsch wurdeer dann der theologischen oktroyiert.
Vilmar entstammt einem evangelischen Pfarrhanse Alt-hessens, in dem spartanische Einfachheit, kirchliche Frömmig-keit und strenge Zucht herrschten. Der Vater erfreute sichallgemein des Rufes eines ernsten, gewissenhaften Geistlichen.Die Mutter hatte einen poetisch gemütreichen Zug. Der Erst-geborene, der dem Ehepaar am 21. November 1800 geschenktwurde, war ein früh entwickeltes, höchst sensitives Kind. Vomdritten und vierten Lebensjahr an will Vilmar nicht ver-einzelte Vorgänge, sondern ganze Erzählungen und Schil-derungen im Gedächtnisse lebendig behalten haben. Die Ein-drücke, die der Krieg von 1806 und die Vernichtung desalten hessischen Staates auf den sechsjährigen Buben gemachthaben, schildert er uns äußerst lebendig und drastisch. Esist mir kaum zweifelhaft, daß ihm trotz seines ausgezeichnetenGedächtnisses die Phantasie hierbei noch geholfen und er ein-
1) Band 89, S. 716.