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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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zelnc Eindrücke sich später zu einem Gesamtbild ausgemalt,das er für ursprünglich, schon in der Jugend vorhanden, an-nahm, das in der Wirklichkeit aber so nicht existiert hat.

Poetisch begabt, lvic er war, ist er hierbei aber wohlsremdcn Mustern gefolgt. Solche Gesichtstäuschungen ent-stehen unwillkürlich. Beispiele hierfür sind namentlich die Jün-ger der Romantischen Schule. Bei Vilmar kam noch ein an-deres hinzu. Er war nicht nur einDichter und Träumer",

sondern ein willensstarkcr, energischer, sehr selbstbewußter

Mann. Solche Naturen bewegen nicht nur den Acheron, son-dern auch die Wahrheit. Selbst sie hat sich ihnen zu fügen.Sie reflektieren augenblickliche Stimmungen in die Vergangen-heit hinein, finden von diesen aus manches, was sie getanund gesagt haben, mit den jetzt bei ihnen vorhandenen Über-zeugungen unvereinbar, unbegreiflich, verwerflich! Dann wirdder nächste Schritt getan: die Sache muß sich damals

doch etwas anders verhalten haben, sie war eigentlich

ganz anders. So verkehrt sie sich nach und nach sanft inihr Gegenteil, wenn sie überhaupt existiert hat. Nur so vielbleibt von den Tatsachen bestehen, als znr Fnndamentiernngfür die spätere, höhere Lebensentwicklnng brauchbar und not-wendig erscheint und zum Nachruhm, znr Nachahmung fürandere, znr Erweiterung des eigenen Selbst, znr Schnlcn-bildnng sich als erforderlich erweist.

Große Feldherren und Staatsmänner haben ihren Lcbcns-genossen so viel Gewalt angetan, daß für sie die Versuchungnahe liegt, auch die Vergangenheit zu vergewaltigen und sieso darzustellen, wie sie sie von der Nachwelt angesehen wissenwollen. Wir haben im neunzehnten Jahrhundert Napoleon,Mctternich und Bismarck an diesem Werke beobachtet. Herrsch-lustige, Willensstärke Männer, die nicht so gewaltig auf dieWelt eingewirkt haben, weil ihr Lebenskrcis ein beschränktererwar oder die ihrem Metier nach auf ganz andere Sphärenangewiesen waren, Kirchenmänner, Gelehrte, Künstler, sinddennoch häufig mit der Wahrheit nicht viel besser umgesprungen