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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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als dieseGewaltigen des Herrn". Noch kürzlich hat manvon einem der größten Künstler aller Zeiten sagen müssen,daß seine Erinnerungen nur einen lockeren Zusammenhangmit der Wirklichkeit bewahrten, sobald der Affekt sich ein-mischte." Und wo mischt sich bei solchen Naturen der Affektnicht ein, sobald sie die Feder in die Hand nehmen und derNachwelt über sich erzählen wollen! Wer aber könnte in jedemeinzelnen Falle analysieren, wo die Selbsttäuschung aufhörtlind die bewußte Unwahrheit anfängt?

Hieran möchte ich auch Vilmar gegenüber festhalten, wenner uns von dem ersten Erwachen seiner Liebe, von seinervita nuova erzählt, bis zu der Behauptung, daß er mit demTeufel in höchsteigener Person leibhaftig gerungen habe.Ein mit der Bildung des neunzehnten Jahrhunderts aus-gestatteter Mann, der uns einen im besten Falle innerenVorgang seines Lebens so in die äußere Wirklichkeit der Tat-sachen projiziert, ist doch kein einwandfreier Zeuge für seineeigene Vergangenheit!

Beginnen wir mit den liebenswürdigen Mitteilungenaus seiner Vergangenheit, mit seinem Liebcsleben, um einigekritische Bemerkungen hinzuzufügen.

Nach seiner eigenen Erzählung und ich bezweiflederen Wahrheit nicht im geringsten, wenn auch wohl derrechte Ausdruck für die Empfindung erst später gefunden ist hat er, noch nicht dreizehn Jahre alt,das wunderbare,hcrzdurchgreifende Gefühl empfunden, welches man die ersteLiebe nennt und den wohlbekannten elektrischen Schlag er-fahren, der so im Leben nur einmal vorkommt und vorkom-men kann." In seinem vierzigsten Lebensjahr freilichnoch immer früh für autobiographische Aufzeichnungen hatder Schnlmonarch, der schon in zweiter Ehe lebte, uns eineSchilderungdes aus Granen und Wonne gemischten Ge-fühles" gemacht, das ihn in ein ganz anderes Lebenselementeintauchte, welche einen: wahren Dichter alle Ehre macht.Dante kann seiner Beatrice gegenüber nicht lebhafter empfunden