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den Kirchenbegriff des gesamten Protestantismus Hinaustreiben,so daß ihn katholische Polemiker für echt römisch anerkennenkonnten. Aber das focht den Mann so wenig an, als die Konse-quenzen seiner dualistischen, fast manichäischen Weltanschauung,die ihn soweit fortriß, daß er an einen persönlichen Kampf mitdem leibhaftigen Satan, der ihm in Gestalt eines Geisteskrankenentgegentrat, glaubte und, einen solchen Kampf bestanden zuhaben, zu seinen geistlichen und sittlichen Ruhmestiteln zählte!
Und nicht anders, ja vielleicht noch ärger als auf demkirchlichen Gebiete, hat er in politischen Dingen seinen persön-lichen Trieben und Leidenschaften freien Lauf gelassen!
Gewiß er hat sein Heimatland Hessen warm geliebt.Aber er wollte es nur auf seine Weise haben und darumbeherrschen. Einen: Mann von dem Selbstbewußtsein, wie esVilmar besaß, der sich in geistlicher und sittlicher Beziehungder großen Menge seiner Mitmenschen, den: Herrn Sinnes,wie er mit Luther zu sagen liebte, unendlich weit überlegenglaubte, mußte jede Form von Liberalismus, nach dem eineimmer größere Ausgleichung zwischen den Rechtei: und Pflichtender Staatsbürger zu erstreben ist, aufs höchste verhaßt sein.Für ihn gab es nur geschichtlich bestehende politische Verhält-nisse. Daß auch diese einmal anders gewesen waren undsich entwickelt hatten, war für ihn gleichgültig; ebenso wie esfür ihn keine moderne wissenschaftliche Theologie gab. Wasin den Bckenntnisschriften als Lehre niedergelegt war, galtfür ihn als durchaus feststehend; jede Abänderung, wenn siesich nicht in der Richtung bewegte, der er persönlich zugetanwar, d. h. der hierarchischen, als ein Werk des Teufels, alsein Abfall in das ewige Verderben.
So nun auch in allen Verfassungsfragen. Im Grundewar Vilmar Wohl die verhaßteste Staatsform die konstitutionelle.Die Idee des Rechtsstaates erschien ihm als eine Ausgeburtdes Blödsinns und der Hölle. Er nannte sie mit Bezugnahmeauf eine bekannte Schrift des ausgezeichneten Juristen OttoBähr eine „bärenhafte". Ihm war der Absolutismus die kon-