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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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genialste Staatsform. Romantische Neigungen und modernstelegitiniistische Ideen der dc Maistre und Halter, sowie diein einem ölten Kleinstnat besonders nahe liegenden Vorstellungenvon patrimonialcn Rcchtsbcfngnissen der Landesherren, die jaeigentlich jede Auffassung der bürgerlichen Gemeinschaftsbildnngals eines Staatswescns ausschließen, hatten bei ihm zusammen-gewirkt, um eine Auffassung der monarchischen Gewalt zu er-zeugen, die aus Groteske streifte.

Sie hatte nur eine Schranke: Das war die Kirche undihre Gewalt. War das Fürstentum von Gott eingesetzt undals die Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat", unantastbar,so hatten doch die fürstlichen Gewalten an den Gesetzen undInstitutionen der Kirche ihre ganz bestimmte Grenze, vor dersie Halt zu machen haben. Der Cäsaropapismns war undmußte ihm die verhaßteste Form des Verhältnisses von Kircheund Staat sein. Daß er selbst in dem Konflikt zwischen dervon ihm in eigener Person wieder mithergcstcllten fürstlichenWillkürherrschaft und der ihm feststehenden Auffassung derhessischen kirchlichen Ordnungen, die er jedoch falsch in seinemSinne interpretierte, schließlich zu Falle kam und zu Fallekommen mußte, darin besteht die Tragik seines Lebens.

Wenn Vilmar dann nach dem Untergänge des zu einemnicht geringen Teile durch seine Schuld zugrunde gerichtetenund um seine Existenz gebrachten Staates als ein wütenderblinder Hesse gegen denPreußischen Antichrist" sich über denletzten Kurfürsten von Hessen dahin aussprach,daß diesernach hundert Jahren als der ausgezeichnetste Fürst seinerZeit bezeichnet werden werde,"') so verrät diese Weissagungdoch nur die vollkommenste Unfähigkeit jeglichen politischenund sittlichen Urteils.

Vilmar war mit den weitaus meisten Mitgliedern derBurschenschaft in seiner Jugend politisch liberal gesinnt ge-wesen. Als Liberaler war er auch noch nach 1830 von derStadt .Hersfeld in die Stündekammcr nach Kassel gewählt

l) Hessische Blätter vom 21. XI. 1900. Brief von, 7. Juli 1806.

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