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worden. Da erlebte er bald seinen Tag von Damaskus .Der Mann, der ihm dazu verhalf, war Hans Daniel Hassen-pflng. Dieser, immerhin von einer wesentlich andersartigenStruktur als Vilmar, hatte zwar eine analoge Entwicklungdurchlebt. Aus radikalen Freiheitshelden und Burschenschaft-lern waren beide zu Absolutsten und orthodoxen Kirchcu-männern geworden. Herrschsüchtig und gewaltsam, im Grundeganz radikale Naturen, war ihnen jeder religiös weiche undpietistische Zug fremd. Den liberalen Zeitgeist glaubten sienur durch Zurückgehen auf das formal bestehende Recht inKirche und Staat bändigen zu können. Daß von dem Geiste,den sie vermeinten, schon starke Elemente in beide eingedrungenwaren und sich festgesetzt hatten, war ihnen unerträglich, wieeine täglich faßbare Schranke ihrer Weltauffassung und per-sönlichen Herrschsucht. Das brachte sie trotz ihres angeblichenKonservatismus in Streit mit den bestehenden faktischen undrechtlichen Zuständen.
Der eine stellte sich zur Lebensaufgabe, die hessische Ver-fassung — wie kaum eine andere auf legalem Wege zwischenFürst und Volk vereinbart — um jeden Preis zu beseitigenoder doch faktisch unschädlich zu machen; der andere wolltedie nicderhessische Kirche, in der (man muß es zugestehen) eingeistloser Rationalismus und Cüsaropapismus seit mehr alseinem Menschenalter herrschend geworden war, nicht nur vondiesem befreien, sondern auch deren Bckenntnisstand mit Zur-hitfenahme rein katholischer Anschauungen so fälschen, daßseine Eigenart ganz verwischt werden mußte.
Es war ein hartes Stück Arbeit, das sich beide Männerzu leisten unterfangen hatten und an dem sie, da sie sich dochauf keine wirklichen positiven Gewalten zur Mithilfe stützenund verlassen konnten, schließlich scheitern mußten. Zugleichaber rissen sie im Verfolg ihrer Taten das von ihnen miß-handelte Staatswesen mit in den Untergang. Nur mit aus-wärtiger Hilfe setzte Hasseupflug die Zerstörung der legitimenhessischen Verfassung vorübergehend durch. Vilmar aber mußte
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