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zu machen, niemals engherzig und penibel gewissenhaft.Zwecke und Mittel verwischen sich: dein verachteten, wider-borstigen Gegner gegenüber hält man alles für erlaubt. Dergroße Hanfe selbst, wenn er in unfreundlicher Stimmung beharrt,wird je nach dem mit Schmeicheleien, freundlichem Entgegen-kommen, Eingehen auf seine Schwächen und Torheiten betrogenoder genasführt. Diese Kunst verstand auch Vilmar vortreff-lich und ihr ist es besonders zuzuschreiben, daß er selbst hart-gesottene Rationalisten an seinen Wagen spannen konnte.
Er erzählte ihnen die schönsten Anekdoten, wußte überihre Familien ihnen alle mögliche Auskunft zu geben, stärkteihr Amtsbewnßtsein den Gemeinden gegenüber und ließ andem alten Kirchcnregimcnte mit seinen Konsistorialräten, diesich jedem Anspruch der Regierung fügten und klein beigaben,wenn sie einmal Miene gemacht hatten, kirchliche Interessendem Staate gegenüber zu vertreten, kein gutes Haar.
Es war in dieser Beziehung in Hessen allerdings vonden fürstlichen Oberbehördcn schwer gesündigt worden. Beider Maitresscnwirtschaft der beiden ersten Kurfürsten hattendie ersten Geistlichen des Landes sich als sehr schwach erwiesen.Sollte doch der Gcneralsupcrintcndent Rommel das Fräuleinvon Berlepsch, nachherige Gräfin von Hessenstein, geradezubestimmt haben, sich zur Maitrcsse des Kurfürsten machen zulassen. Desgleichen hielt der Schloßprediger von Wilhelms-höhe bei der Konfirmation einer Tochter des Kurfürsten undder Gräfin Reichenbach eine allerdings gegen seinen Willengedruckte Rede, in der der Konfirmandin ihre Eltern alsVorbilder vorgehalten wurden.
Solchen Elendigkeiten gegenüber hatte Vilmar bei denPastoren leichtes Spiel. Und als nun nach dem Ansbrnchder Revolution von 1848 die Trennung der früher in Hessen mit seinem Fürstcnhanse so eng verwachsenen Kirche vom„religionslosen" eine Notwendigkeit wurde, war Vilmar gleichden Führern der ultramontanen Partei eilfertig bereit, dieFolgerungen daraus zu ziehen und die Kirche von jeder Ein-