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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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benennt, einer Arbeit, die schon in ihrem logisch schiefenTitel die ganze Verschiebung des Streitobjekts zwischen derwissenschaftlichen modernen Theologie und einer über dasorthodoxe Luthertum hinausgehenden katholisierenden Richtungverrät, verunglimpfte er unter durchsichtiger Verschleierungeinzelne seiner Kollegen aufs schlimmste. Da er ihnen auchin einem anonymen Flugblatt Verrat an der lutherischenKirche und Schmähung ihrer Abendmahlslehre vorwarf, ver-klagten ihn seine Kollegen auf Beleidigung, deren er imAugust 185!) auch vom weltlichen Richter für schuldig be-funden wurde. Stand er so seinen Amtsgenossen persönlichfeindlich gegenüber, so war der Gegensatz zwischen seiner Be-handlung der theologischen Disziplinen und der jener fast einnoch tiefergehender, Vilmar war ein Feind aller und jederwissenschaftlichen Betrachtung der Bibel, wie sie im achtzehntenJahrhundert aufgetreten war. Nicht minder war für ihnjede systematische Zusammenstellung der christlichen Dogmatikund Ethik, wie sie sich unter dem Einfluß der philosophischenSchulen Deutschlands gebildet hatte, von: Übel, ein Verratan der ein für allemal feststehenden Wahrheit, deren sichVilmar durch einen Willcnsakt bemächtigt zu haben glaubte.Diese absolute Wahrheit war in den Bckenntnisschriften undKirchcnordnungen des Reformationszeitalters ein für allemalfestgelegt. Nur in der Lehre von der Kirche war sie nocheiner Entwicklung fähig, die sie von ihrem Verhältnisse zumStaate loslösen und zu einer neuen Geistlichkeitskirche machensollte. In der Lehre, welche die tiefste Kluft zwischen demrömischen Katholizismus und Protestantismus darstellt, derLehre von der Kirche, stand Vilmar ganz bestimmt auf katholischerSeite, wie ihm das auch von rechtgläubigen römischen Katho-liken verschiedentlich bezeugt worden ist. Wäre Vilmar in derkatholischen Kirche geboren und Priester geworden, er wäresicher einer der hervorragendsten Hierarchen seiner Tage ge-worden. Bei der engen Kirchengemeinschaft, in der er auf-gewachsen war, und die seinen Gesichtskreis eben so wenig