Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

135

sehen überlegene anerkannt emd sich in ihr verloren hatten,stellt er, ein stimmfähiger Kenner und Beurteiler beider, beivollkommener Abwesenheit von jeglichem Chauvinismus undjedwedem Teutouismus, die deutsche höher als die fran-zösische und handelte, nicht vor eine äußere, sondern nur voreine moralische Entscheidung gestellt, beim Beginne des Kamp-fes beider Nationen ohne Besinnen nach seiner inneren Über-zeugung. Diese seine stille Abstimmung haben ihm die Fran-zosen nie verzeihen können, obwohl gerade er so gerecht war,nicht nur seinen wiedergewonnenen Landsleuten die wirk-lichen Vorzüge der von ihm verlassenen Nation theoretisch dar-zulegen, sondern durch seine Schriften tatsächlich zu erweisen,daß man von ihnen in der Tat etwas lernen könne. DieArt, in der dies geschehen ist und die eine merkwürdige Ver-schmelzung französischer Formgewandtheit mit deutscher Gei-stesfreihcit und umfassendster literarischer Bildung auswies,wird eben in Verbindung mit seiner persönlichen Stellungzu beiden Nationen Karl Hillebrand nach unserer Meinung eineüber die Gegenwart hinausgehende kulturgeschichtliche interessanteStellung zuweisen, über deren Bedeutung wir, die wir im Anfangedes geschichtlichen AuseinandersetzungsProzesses der beiden Völkerstehen, jetzt allerdings noch nicht abschließend urteilen können.

Aus diesem Grunde halte ich eine möglichst korrekte undeingehende Darstellung des äußeren Lebens unseres Freundes,die jetzt noch leichter gegeben werden kann als selbst nureinige Jahre später, für einen ebenso wichtigen Dienst, denman dem Verstorbenen zu leisten hat, als wenn man unssein Bild in der durch den Schmerz über den Tod des Freundesimmerhin umflorten Beleuchtung vor die Seele stellt. Garmanche Leser dieser Blätter, die sich noch der geistvollenAufsätze erinnern es sind freilich schon mehr als zweiLustrcn her, als sie zum ersten Male hier erschienenwerden auch gern etwas von. dem äußeren Leben ihres Autorserfahren, das ich jetzt, einer freundlichen Aufforderung derRedaktion entsprechend, hier erzählen will.