Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
153
Einzelbild herunterladen
 

153

dienst gekommen war, rückte er anch rasch anf. Im Som-mer 1863 wnrde Viktor Duruy, ein Mann von weitemBlicke nnd den besten Absichten, vvm Kaiser Napoleon III. zum Untcrrichtsminister ernannt. Ich weiß nicht ob es nötigist, anzunehmen, daß er durch eine Empfehlung der FamilieDezeimeris in Bordeaux auf den jungen deutschen Gelehrtenaufmerksam geworden sei. In Frankreich , wo die Protektioneine sehr große Rolle spielt, ist man vielleicht auch nur zugeneigt, dieselbe bei Beförderungen zu suchen, wo sie nie be-standen hat. Duruy, welcher die deutschen Schuleinrichtungengenauer kennen lernen wollte, konnte leicht auf Hillebrandals eine sehr geeignete Persönlichkeit, diese Vermittelung an-zubahnen, aufmerksam werden. Jedenfalls fand der Ministerin ihm den Mann, wie er ihn brauchen konnte, nnd ernannteihn schon 1863 zum Professor der auswärtigen Literatur ander Akademie von Donay. Als solcher hatte der junge Pro-fessor in einem jeden Kurse wöchentlich einen Vortrag übereinen Gegenstand der englischen, italienischen oder deutschenLiteratur zu halten, welcher sich allerdings sowohl in derForm weit über die an deutschen Universitäten üblichen Vor-lesungen erheben, als anch seinem Inhalte nach viel gewähltersein muß, als dies bei unseren mehr anf die zusammen-fassende Darstellung einer ganzen Disziplin gerichteten Katheder-vorträgen der Fall ist. Ich kann hier kein Verzeichnis derVorlesungen geben, die Hillebrand in Donay gehalten hat,die Ausarbeitungen dazu sind aber, wie ich weiß, sämtlichim Manuskript erhalten. Hört man nun, daß er z. B. 1865fünfundzwanzig Vortrüge über den englischen Roman des18. Jahrhunderts gehalten hat, von denen einzelne nachstenographischen Aufnahmen von Zuhörern veröffentlicht wur-den, so wird man schon hieran den Unterschied zwischen denVorlesungen an deutschen Universitäten und französischen Aka-demien leicht sich vergegenwärtigen können. Daß Hillebrand beider Vorbereitung auf diese Vortrage die sorgfältigsten Einzel-studien gemacht hat, zeigt jeder Blick anf dieselben, soweit sie