Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
166
Einzelbild herunterladen
 

16 «;

gesehen, sondern auf eine geistreiche, reizvolle Darstellung deraugenblicklich durch die Unterhaltung lebendig gewordenenIdeen. Ein rechter Essay muß die Wirkung eines gutenBriefes ausüben, und nicht ohne guten Grund besitzt diefranzösische Literatur neben den besten Essayisten die vortreff-lichsten Briefschreibcr.

Daß die Aufnahme, welche Hillebrands Essays in Deutsch-land fanden, ihm zur Genugtuung gereichen und ihn nachder subjektiven Seite befriedigen mußte, davon gibt es mehrals ein Zeugnis. Aber er selbst glaubte doch, sich mit diesenArbeiten nicht genug getan zu haben und nach einer höherenPalme greifen zu dürfen.

Das Vorwort zu dem zweiten Bande seiner unter demTitel:Zeiten, Völker und Menschen" gesammelten Essaysüberraschte im Jahre 1875 die meisten seiner Freunde mitder Erklärung, daß ihr Verfasser im Begriffe stehe,demliterarischen Journalismus, dem er sich nahezu fünf Jahregewidmet, auf lange Zeit, vielleicht auf immer, Valet zu sagen".Was war die Ursache dieser plötzlichen Abwendung von einemGenre, in dem der Autor doch wirklich große Erfolge davon-getragen hatte und für das er wie geschaffen zu sein schien?Der äußere Zufall, daß ihm ein berühmter Historiker undein unternehmender Verleger die Abfassung eines größerenhistorischen Werkes angetragen und er sich zn dessen Aus-

arbeitung hatte bereit finden lassen, hat ihn gewiß nicht zudeni Entschlüsse bestimmt, sich der Geschichtsschreibung zu widmen.Das Jahr 1874 war gerade für die essayistische Tätigkeit

Hillebrands ein außerordentlich fruchtbares und glückliches ge-wesen. Es hatte ihm auch die Möglichkeit ganz nahe gelegt,sich eine gegen die Zufälligkeiten des äußeren Daseins ge-

schützte und angesehene Lebensstellung zu gründen. Die Über-nahme einer Professur für moderne Literatur an der Uni-versität München war ihm unter ehrenvollen Bedingungenangetragen worden. Hätte er in den ersten Jahren seines

Aufenthalts in Florenz wohl nicht ungern eine ähnliche