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Übels durch eine rationelle Kur noch Einhalt geboten werdenkönne. Alles geschah, was man zurzeit für das Beste hält,um das furchtbare Leiden zu bekämpfen. Reisen im Sommernach Badenweiler, der Schweiz und im Winter nach Süd-frankreich unternahm die treue Frau mit dem kranken Gatten.Alles, was ihn irgendwie erregen konnte, wurde ängstlich ferngehalten, es umgab ihn eine Atmosphäre von Liebe und Hin-gebung, die den Kranken fast sein Leiden vergessen ließ, wieer mir schrieb. Gesunder fester Schlaf stellte sich wieder einund manchmal schienen die spärlichen Hoffnungen, welche dieFamilie gehegt, sich doch verwirklichen zn wollen, obwohl schonein Lungenflügel ganz zerstört war. So schwankte durch dreilange bange Jahre das Zünglein seiner Lebenswage auf undnieder; er ganz still und gefaßt, dem Tode mit der heiterenRuhe eines antiken Weisen scharf ins Auge sehend. Da schienim Frühjahr 1884 sich sein Zustand zu bessern. Er griffnoch einmal zur Feder, um seinem alten Freunde TheodorHeyse ein Wort übers Grab nachzurufen und einige Betrach-tungen zu fixieren, die sich ihm bei der Lektüre zahlreicheralter und neuer Romane auf seinem langen Krankenlageraufgedrängt hatten. Erscheint der Nachruf für Heyse in der„Gegenwart " vom 22. März 1884 fast ganz unberührt zusein von den Einwirkungen des Leidens, so verrät der Auf-satz der „Rundschau" neben vielen richtigen Bemerkungen docheinen krankhaften Zug. Es sollte auch das Letzte sein, IvasHillebrand selbst zu veröffentlichen beschieden war. Die Som-merreise nach der Schweiz, Baden-Baden und Schlangenbad hatte diesmal nicht die Kräftigung gebracht, wie sonst; dieRückkehr wurde unter den schlimmsten Befürchtungen an-getreten. Es schien so, als wolle Hillebrand nur noch nachFlorenz zurück, um dort zu sterben. Aber vielleicht hätte ersich doch noch erholt, oder es wäre wenigstens sein Lebennoch länger hinzuhalten möglich gewesen, wenn nicht eineErdrutschung an der Gotthardbahn den Schwerkranken ge-zwungen hätte, am frühen Morgen eine Strecke Wegs über