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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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ganz unbedeutenden Verdienste um das Wohl des Vaterlandesnicht mit Unrecht bewußten Mannes gelegen. Hieran erkannteer besonders den Wechsel der Zeiten. Da stellte er sich nunder neuen Zeit zwar mit Resignation, aber dennoch keines-wegs mit einem gebrochenen Selbstbewußtsein und in pessi-mistischer Verzweiflung entgegen. Und das durfte er auch,weil er sich selbst, trotz der Gegensätze in seinem äußerenLeben und trotz mancher Schwankungen in seinen politischenBestrebungen, doch stets treu geblieben war, weil er nur aussich heraus gelebt hatte und nie fremden Einflüssen unterlegenwar. Bei der Gelassenheit seines Wesens, der philosophischenBetrachtung der Zusammenhänge alles Geschehens fand erdoch auch noch immer beruhigende Erklärungsgründe für dieihm so unsynrpathische Entwicklung der deutschen Verhältnisse.Selbst die Schwächlichkeit des deutschen Bürgertums betrachteteer gelegentlich in milderem Lichte. Mit Recht sagt er indem AufsätzeDie Nachfolge Bismarcks":Während aristo-kratische, kirchliche, proletarische Parteien über die Kraft ver-fügen, welche der Egoismus erzeugt, hat sich das moderneBürgertum, im Gegensatz zu dem vergangener Jahrhunderte,die leibhaftige Vertretung der unterschiedslosen Gesamtheitaller Klassen zur Pflicht gemacht le tisrs etat est Wutund schließt auch die nicht aus, die sich im Gegensatz zu ihmauf ein besonderes Recht zur Erreichung besonderer Zweckestützen." Die Elastizität seines Geistes, der Glaube an dieWahrheit und Gerechtigkeit der von ihm bekannten politischenGrundanschauungen waren so groß, daß er an ihrem end-gültigen Siege nie Verzlveifclt hat. Darum kam es ihm auchniemals in den Sinn, nachdem er sich aus dem öffentlichenLeben zurückgezogen hatte, die Hände in den Schoß zu legen.Er ist seinen politischen Freunden stets ein treuer Helfer undRatgeber geblieben und hat mit seiner Feder an dem Kampfenach wie vor den lebhaftesten Anteil genommen.Ich glaube,mein Mund und meine Hand werden mir bis zum Todenicht versagen," sagte er mir einmal.