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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Weiterentwicklung auf der einmal gelegten Basis wünschen.Was aber das Betrübendste an dieser Erscheinung ist, kannman in ihrer Naturgemäßheit finden. Fast so zerrissenals der preußische Staat vor 1866 seiner geographischen Lagenach war, standen sich auch innerlich die beiden großen Hälf-ten desselben einander gegenüber. In den östlichen Provinzender Monarchie hatte der Landadel einen Einfluß auf die Ge-schicke der Monarchie gehabt, den die westlichen nicht kannten.Und fast erscheint der Wechsel von großartiger Hebungder Volkskraft und ihrem plötzlichen Erschlaffen, welchendie Geschichte des preußischen Staates, wie kaum die eines an-deren Landes zeigt, mit der inneren Natur, der ganzen Struk-tur der bisher die Geschichte des preußischen Staates fast aus-schließlich bestimmenden östlichen Hälfte desselben, zusammen-zuhängen. Preußen ist durch seine Armee in erster Liniegroß geworden. Nichts ist mit der Bravour und der Hin-gebung zu vergleichen, mit der die Söhne der zahl-reichen armen Adelsfamilien der Mark, Pommerns usw. ihrBlut für die preußische Waffenehre vergossen haben. Nur1806 ist diese nicht von ihnen gewahrt worden. Aber wasdiese kleinen Herren in den Kriegen gcsäet haben, das wollensie im Frieden mehr als reichlich wieder ernten. Wie einBleigewicht haftet sich dann ihr Einfluß an die Entwicklungdes Staates. Unbedenklich übertragen sie militärische Ein-richtungen auf bürgerliche Verhältnisse, wie sie auf ihren Gü-tern über die Kossäten schalten, wollen sie das ganze Landregieren; die Krone ist dazu da, das Füllhorn ihrer Gnaden-und Gunstbezeugungen nur über sie auszugießen. Da nunaber die rauhe Wirklichkeit doch mit der Zeit allzustark indiese Wünsche und angeblichen Berechtigungen hineingefahrenist, da die naiven Zeiten, in denen in Ostpreußen dieses al-les als selbstverständlich angesehen wurde, längst vorüber sind,hat man sich eine mystische Theorie von dem Königtum vonGottes Gnaden und den Vorzügen des Adels ersonnen, welchemit einer religiösen Richtung Hand in Hand geht, die, wie