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jene Theorie auf mittelalterlichen Vorbildern ruht, so selbstkonsequenterweise zu dem römischen Katholizismus zurückführenmuß. Ist es nun ganz bezeichnend, daß die legitimistischenTheorien neuerer Zeit vor allem in den Kreisen vater-landsloser Emigranten entstanden und in ihnen mitaller Energie ausgesprochen sind, so wird man auch wohlbezweifeln dürfen, daß - dieselben zur Stärkung nationalenSinnes überall da beitragen, wo sie sich zeigen und mehroder weniger zur Herrschaft kommen. Die Geschichte Preußens im Jahre 1850 usw. gibt Belege genug dazu, und daß unterder konservativen Partei Preußens gar ein Verständnis fürdeutsche, nationale Aufgaben und Interessen vorhanden wäre,wird niemand behaupten wollen. Ist doch die VergrößerungPreußens , abgesehen von den legitimistischen Bedenken gegendie Entthronung gekrönter Fürsten, schon darum in den Augenvieler Konservativen vom Argen, Iveil dadurch Elemente in denStaat neu eingeführt werden, die nun einmal für diese nen-Preußischen Ideen kein Verständnis haben und sie auchda, wo sie noch im Schwange sind, zurückdrängen helfen könn-ten. lind hat nicht noch unlängst die „Kreuzzeitung " derRegierung ihre Unterstützung nur für den Fall zugesagt, daßsie sich von den chimärischen Plänen auf Süddcutschland ganzfern halte? Damit tut die Partei freilich nur, was sie nichtlassen kann, wenn sie nicht ihre eigene Zukunft aufgeben will.Aber sie muß darauf verzichten, sich irgendwie eine nationale,deutsche Politik vindizieren zu wollen. Denn diese kann dochnur auf eine staatliche Wiedervereinigung — über die Formderselben läßt sich verschiedener Ansicht sein — von Nord-und Süddcutschland gerichtet sein. Und das weiß auch derGraf Bismarck so gut wie kein anderer. „In der deutschenPolitik", heißt es in seinem Briefe an den Fürsten von Put-bns, „sind der Regierung so tiefe und feste Geleise vorgezeich-net, daß sie ohne schwere Schädigung des Staatswagens gar-nicht aus denselben herauskann." Härter könnte hiermit nichtszusammenstoßen als eine Äußerung, die vor kurzem ein
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