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Mühler tritt viel weniger als ein preußischer Staatsmann,denn als Vertreter einer religiösen Richtung auf, der zumSiege zu verhelfen für ihn eine heilige Christenpflicht sei.Und doch, wenn Sie mich fragen, welches die kirchliche Rich-tung sei, der Herr v. Mühler huldige, wer kann das genausagen? Jedenfalls steht Herr v. Mühler auf den Stand-punkte, den die „Kreuzzeitung " mit so gutem Erfolge aus-beutet, dem nämlich, der unter Christentum nur orthodoxesKirchentum versteht. Aber innerhalb der Orthodoxie selbst,und namentlich innerhalb der preußischen, gibt es doch jetztnoch viele Schattierungen. Innerhalb dieser schwankt Herr v.Mühler offenbar bald von der einen zur anderen. Wie keinanderer Minister hat er sich früh der Angelegenheiten seinesDepartements in den einzelnen neu erworbenen Landesteilenbemächtigt und seine schützende Hand über die kirchlichen Partei-gänger der alten, vorzugsweise um dieser Parteigänger willenverhaßten Regierungen gehalten. Die Konfessionellsten hattenüberall Oberwasser; hier wurde die Volksschule unter geistlicheOberleitung gestellt und die mißliebigsten Schulbücher den Gemein-den aufgedrungen, dort fanatische Geistliche und Gegner jederUnion der protestantischen Kirchen in die Leitung der kirch-lichen Oberbehörden berufen. Nicht lange aber, so trat einRückschlag ein und man versucht es gegenwärtig mit einermilderen Praxis. Aber was ist nun die Folge dieses Schwan-kens in der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten? Die„Kreuzzeitung " hat einmal die Publikation eines Schriftchensauf das lebhafteste bedauert, durch das eine ähnliche Unsicher-heit in der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in denalten Provinzen durch Aktenstücke belegt wurde, weil dadurchder Respekt vor der Kirche schwinde. In einer Zeit, in derdas zwanzigste ökumenische Konzil tagt, will das aber nicht vielheißen. Dagegen wird der politische Schaden, der durch einsolches Verhalten angerichtet ist, nicht hoch genug zu ver-anschlagen sein, denn Herr v. Mühler hat es nun mit allenParteien verdorben und wenn einst die „Kreuzzeitung " sagte.