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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
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muß, welche durch die Eiuvcrleibuug dieser Kleinstaaten inein größeres Staatswesen in ihren materiellen Interessengeschädigt worden sind. Aus den Reihen dieser Partei, diesich selbst dieRechtspartei" nennt und in Hessen publizistischgeschickt vertreten ist, sind und werden nun Darstellungen desVerhältnisses zwischen Fürst und Volk in Knrhcsscn währendder letzten dreißig Jahre der Existenz des Knrstaates jetzt ver-öffentlicht, welche mit alledem, was während der Zeit derRegierung des letzten Kurfürsten selbst fast ganz allgemeinverlautete und durch die, nach verschiedenen Wahlgesetzen ge-wählte Volksvertretung des Landes, als öffentliche Landes-meinung konstatiert worden Ivar, im schreiendsten Wider-spruch stehen. Danach wäre der letzte Kurfürst im Grunde einkeineswegs verwerflicher Landesvater gewesen, sondern nurein auf Wahrung seiner Regentenrechte und das Wohl seinesLandes bedachter Fürst, der allerdings in häufigen Konfliktenmit seinen Landständen gelegen habe; hieran seien aber dieLandstände, in denen der revolutionäre und unkirchliche Geistdes Jahrhunderts zur Erscheinung gekommen sei, fast ebenso-sehr, wenn nicht, noch mehr schuld, als der auf seinem gött-lichen Rechte bestehende Landesherr. Ob man denn in Hessen bis 1860 sich nicht wohler gefühlt hätte als heutzutage, dadas Land eine geringe Steuerlast getragen und jedem seinRecht erreichbar gewesen und billig gesprochen sei? Wo dasLand von Beamten regiert worden sei, die seiner Gesetze,seines Herkommens und seiner Sitten kundig gewesen wären,während inzwischen gar manche Beamte aus entfernten Gegen-den Preußens, hier nach Hessen versetzt, sich vielfach ein Ver-gnügen daraus gemacht hätten, das hessische Wesen zu ver-höhnen, aus bewährte Einrichtungen im Staats- und Gemeinde-leben stolz von oben als auf verrottete und verkommene Zu-stände herabzusehen?

Man sieht, daß hier Zweierlei zusammengeworfen wird.Es wird versucht, vorhandenen Mißmut über Zustände derGegenwart zur Beurteilung der Vergangenheit zu verwerten.