können. Aber bei der so vielfach beobachteten Gedächtnis-schwäche zahlreicher Zeitgenossen, die schon heute vergessen,was sie selbst vor wenigen Jahrzehnten erlebt haben, unddein Unvermögen und der Unlust unserer Jugend, sich indie Zeiten vor 1866 zurückzuversetzen, ein Mangel, aus deineine ganz falsche Vorstellung von der Vergangenheit undGegenwart erwächst, scheint es mir doch geraten, auf einigemarkante Züge aus den letzten Jahren des Kurfürstentumsnoch mit wenigen Worten hinzuweisen. Es könnte freilichgenügend erscheinen, hierfür auf „die Erinnerungen aus demJahre 1866," welche die „Illustrierte Zeitung" von: 2. Juli1892, offenbar von einer sehr gilt unterrichteten Seite gebrachthat, aufmerksam zu machen. Da aber in ihnen auf die Kund-gebungen der öffentlichen Meinung des Landes, wie sie sichin den fast einstimmigen Beschlüssen der Ständekammer wieder-holt und deutlichst ausgesprochen hat, nicht Rücksicht genommenist, so mag hier das Nötigste ganz kurz zusammengestelltwerden.
Mit Naturnotwendigkeit mußten sich bei dem alterndenKurfürsten die Konsequenzen seiner verkehrteil Anschauungenvon seinen landesherrlichen Rechten und seinen eigenen Tatenim öffentlichen wie im privaten Leben immer unheilvollerentwickeln. Er wurde immer mißtrauischer gegen jedermann,tonnte gar keinen ruhigen Entschluß zu irgend etwas mehrfinden, vermochte großes und kleines, politisches und persön-liches nicht mehr voneinander zu unterscheiden, so daßwie mit Recht gesagt worden ist, zeitweise in Kurhcssen schließ-lich keine Mißregiernng bestand, weil einfach gar nicht regiertwurde. Einen Minister des Innern entließ der Fürst, weiljener den Dienstmänuern Kassels eine Art Uniform zu tragengestattet hatte, ohne die hohe landesherrliche Meinung übersie einzuholen. Um der seit Jahren auf allen Gebieten derGesetzgebung durch Schuld der Regierung eingetretenenStockung ein Ende zu machen, beschloß am 28. Oktober 1864die Stäudekammer einstimmig, einen Ausschuß niederzusetzen,