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Die Lage der Hausweber im Weilerthal / von Karl Kaerger
Entstehung
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Kapitel Viil.

andere Hälfte sich gleichmässig auf die dritte und vierteKlasse vertheilt.

Durch diese Zahlenverhältnisse scheint mir der Paral-lelismus zwischen Armuth und Fruchtbarkeit genügend be-wiesen zu sein. Worin derselbe seinen Grund hat, lässt sichnur vermuthen und nicht beweisen.

Mir scheint er einmal darauf zurückzuführen sein, dassmit zunehmender Armuth auch der Leichtsinn, die Sorg-losigkeit, die Gleichgültigkeit gegen die Zukunft wächst. Obwir fünf oder zehn zusammen verhungern, so denken dieLeute, bleibt für uns selbst doch schliesslich gleichgültig.Vielleicht schlummert dabei im Hintergrund auch der Ge-danke, dass einige der Kinder doch bald wieder verschwindenwerden, und dass die, welche schliesslich durchkommen, denVerdienst der Familie schon von Kindesbeinen an vermehrenhelfen können. Allein diese auf einer vernünftigen Ueber-legung beruhenden Gründe treten weit zurück gegen deneinfachen Naturtrieb, der sich gerade bei den ärmsten Leutenam stärksten erweist. Denn wenn alle andern Genüsse Geldkosten und daher denEnterbten der Gesellschaft verschlossenbleiben, dieser eine ist ihnen geblieben, auf ihn allein sindsie angewiesen, und ihm fröhnen sie daher am meisten. Einennicht unbeträchtlichen Einfluss hierauf mag auch die Sittehaben, dass die Eheleute stets in einem Bett zusammenliegen.Im ganzen Weilerthal habe ich nur zwei Weberfamilien ge-funden, die diese Sitte zu durchbrechen gewagt hatten; beidewaren in der Stadt Weiler ansässig. Der eine dieser Ehe-männer, den ich scherzend über diesen Punkt zur Redestellte, antwortete mir höchst vernünftiger Weise:Bei deneZite kann man nicht zusammen liegen,s muss besserkommen.

Wenn ich nach alledem die Ueberzeugung habe, dassdie starke Kiudererzeugung die Folge und nicht die Ursacheder Armuth sei, so giebt es doch auch Stimmen, welche dasletztere behaupten. Liegt der Schluss doch so nahe: Jemehr Mäuler, desto grössere Haushaltungskosten und daherdesto grösserer Verbrauch und geringere Möglichkeit zusparen.