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Schwärmer machen sich meist die Gebundenheit des Menschen an den Geistnicht genügend klar. „Spricht die Seele, so spricht — ach! schon die Seelenicht mehr.“ Deshalb: wollten wir die Seele vom Geiste befreien, so müßtenwir zunächst einmal bellen, oder meinetwegen: zwitschern statt zu sprechen.Das Ideal eines verzweifelten Geistgegners und Seelenschwärmers hat ein-mal in einzig richtiger Schlußfolge Jacob Lenz, der Freund Goethes,geformt in dem Satze: „Ich möchte ein Kuhfladen sein und in der Sonneliegen.“
Daß das Sündenkonto des Geistes gewaltig groß und in der Gegen-wart besonders stark angewachsen ist, wo er sich unterfängt, alleNatürlichkeit unserer Lebensweise zu vernichten: welcher Mensch vonKultur möchte es bezweifeln? Aber was wir verabscheuen ist der tötendeGeist und ist der Geist am falschen Ort. Wir können aber nicht den Geistverdammen, weil die Menschen ihn mißbraucht haben.
Drilles Kapitel: Der Mensch als GanzesI
Bisher haben wir über die Eigenschaften des Menschen uns unterrichtet,über das, was er tut und was er kann. Es wird Zeit, uns nach ihm selberumzusehen: in Erfahrung zu bringen, was er ist.
Als seine hervorstechende Eigenart erkannten wir die Tatsache, daß er„Geist“ hat. Aber ist er darum ein Geistwesen? Gewiß nicht. Er ist einWesen aus Fleisch und Blut, ein lebendiges Wesen wie wir es nennen oderauch ein „Lebewesen“, wie ein häßlicher Ausdruck lautet. Sicher habenwir es hier mit einem sehr wichtigen Bestandteil des Menschen zu tun.
Was Leben sei, haben schon viele kluge Männer zu bestimmen versucht.Die philosophischen Wörterbücher haben alle je geäußerten Ansichten feinsäuberlich unter dem Rubrum „Leben“ verzeichnet und bieten uns hunderteder verschiedenartigsten Definitionen an. Als Probe setze ich folgendehierher:
Aristoteles (de anima II. 1), der in den Lehrbüchern als „Animist “abgestempelt ist: „Zturjv 8s Xsyo[asv xrjv St ’ ao-oo tpo'^v ts xal ae^aiv xalcpöiatv “ (Leben ist spontane Ernährung, Wachstum und Zerstörung).
IL Steffens, ein philosophisch eingestellter Vertreter des Vitalismuaalten Stils meint:
Das Leben ist die Entwicklung „nach dem inneren Mittelpunkte des insich unendlichen Besonderen“. „Was wir lebendig nennen, ist die Rich-tung aller bildenden Kraft nach dem inneren Mittelpunkte eines beson-deren eigentümlichen Daseyns und hier ist nicht blos die Richtlinie (wie beim