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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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in allen Stücken entstehen würde, wenn man auf diese Art die Menschennicht voneinander unterscheiden könnte. In Verträgen, Bündnissen, Con-tracten könnte niemand gewiß seyn, mit welcher Person er zu thun hätte.Es würde nicht leichtlich ein noch so greuliches Bubenstück können bestraftwerden, weil niemand rechte Gewißheit haben könnte, wer solches be-gangen hätte. Sehr leicht würde es auch sein, Fürsten und große Herren;aus dem Wege zu räumen und andere an ihre Stelle zu setzen, wenn nichtder Unterschied der Gesichter im Wege stünde. Was soll ich sagen von denunzähligen Betrügereyen, Ehebrüchen, Herbeyschaffen falscher Zeugen, wel-ches alles auf keinerley Wege könnte verhütet werden, wenn es nicht die-Varietät der Gesichter hinderte.

Die Stelle findet sich bei Buddeusin thesibus de atheismo et super-stitione cap. 5 § 6 und ist mitgeteilt im Philosophischen Lexikon vomJahre 1733 auf Spalte 1783 f.

Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, wo wir uns so ähnlich sehen, daßwir nicht mehr unterschieden werden können. Dann müssen wir Nummernbekommen, wie die Motorräder, die bei der Geburt eingebrannt werden.Das ist einGesetz, dessen Wirksamkeit wir in zahlreichen Fällen be-obachten können: man denke an den Übergang zur Nummerierung bei denHäusern, den Straßenbahnen usw. Einstweilen haben wir es noch mit einerEpoche zu tun, in der man sich bemüht, die Verschiedenheit der Menschenohne Nummerierung festzustellen: das ist das psychologische Zeitalter,das mit der neuen Zeit anhebt und in dem wir uns noch befinden. Eine neueAnregung und Vertiefung erhielt das Interesse an der Verschiedenheit derMenschen, als mit der Renaissance der Sinn für das Individuelle überhauptund nicht zuletzt für die Eigenart der menschlichen Individualität erwachte.

In Halien verkündeten dies neuerwachte Interesse an der Eigenart derWesen Cardano (1550/56), Telesio (1586); in England war esFrancis Bacon , der in seiner Schriftde dignitate et augm. scien-tiarum ein besonderes Kapitel (das 3. des 7. Buches) einerdoctrina decultura animi widmete, deren erster Teil eine Charakterologie enthaltensollte; in Frankreich brach der neuen individualisierenden RichtungMontaigne (1588) Bahn, während Pierre le Charron in seinemMeisterwerk ausdrücklich und immer wieder auf die Mannigfaltigkeit desMenschenmaterials hinweist, das die neue Zeit durch ihre Entdeckungendarbiete.

II ny a rien en ce bas monde, il se trouve tant de differences quentreles hommes (?) et differences si esloignees en mesme subiect et espece...Folgen die Schauergeschichten des Plinius, Herodot und Plutarch