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mit den Realitäten des menschlichen Lebens... Die Einsicht großer Massen isthinreichend stumpf und unentwickelt..eb. 2, 66/67 usw.
Das wäre also das Ergebnis einer Umfrage bei einer Reihe bedeutenderMänner: die Menschen sind in ihrer großen Mehrzahl — wohlverstanden ganzunabhängig von der Höhe ihres Steuerzettels, aber auch unabhängig vonihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Rassen und Völkern gemein, bösartig,dumm.
Das Ergebnis ist um so niederdrückender, als es auf Einstimmigkeit desUrteils von Männern hohen Ranges aus allen Zeiten und Völkern beruhtund als ihm kein gleichgewichtiges Urteil andersdenkender Männer gegen-übergestellt werden kann, vorausgesetzt, daß man es bei der Zweiteilungder Menschen bewenden läßt.
Es gibt, soviel ich sehe, nur eine Möglichkeit, aus dem Banne dieses Ur-teils herauszukommen, wenn man sich nämlich entschließt, die Zweiteilungder Menschheit in Hoch- und Minderwertige aufzugeben und sich zu einerDreiteilung zu bekennen, die die Menschen wie folgt unterscheidet: esgibt eine winzig kleine Oberschicht von Menschen, in denen Geist oder Güteoder Schönheit oder gar mehrere dieser Eigenschaften in aller Pracht undMächtigkeit walten. Dann kommt eine ziemlich breite Schicht mittelmäßigbegabter, plumper, selbstsüchtiger, aber zu allerhand Verrichtungen tüch-tiger Menschen, aus denen dann die homines politici, die Beamten und Offi-ziere, die Wirtschaftsführer, die Gelehrten, die Lehrer und Erzieher in ihrergroßen Mehrzahl hervorgehen und denen dann die große Masse, die über-haupt keine besonderen Fähigkeiten aufweist, untergelagert ist. Die Kul-turen der Menschheit werden im wesentlichen dadurch bestimmt, welche•dieser drei Schichten den Ton angibt.
Eine solche Dreiteilung der Menschheit ist ebenfalls schon vonklugen und erfahrenen Männern vorgeschlagen. Hier denkt jedermann sogleichan P 1 a t o s drei Gruppen von Menschen: solche die Gold, solche die Silber undsolche die Erz im Blute haben. Im „Staat“.
In einer etwas anderen Fassung macht der große C h a r r o n (im 39. Kapitelseines oft angezogenen Werkes) sich den Gedanken der Dreiteilung zu eigen,indem er die Gruppe der „mittleren Lüt“ — den guten Durchschnitt — als dieAnhänger der Aristotelischen Schule, die geringe Zahl der Hochstehenden aberals Anhänger der Platonischen Schule bezeichnet.
In sein moralisches System bringt diese Ansichten Kant: Diejenigen unter■den Menschen, die nach (moralischen) Grundsätzen verfahren, sind nur sehrwenige ... Derer, die aus gutherzigen Trieben handeln, sind weit mehrere ...Derer, die ihr allerliebstes Selbst als den einzigen Beziehungspunkt ihrer Be-mühungen starr vor Augen haben, und die um den Eigennutz, als um die großeAchse alles zu drehen suchen, gibt es die meisten.“ Die einseitige Ausrichtungaufs Moralische verschiebt den Blickpunkt etwas. Immerhin liegt auch demKant sehen System der glückliche Gedanke einer Dreiteilung des Menschen-