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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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das denselben Gedanken ausdrückt: den Rohstoff für die Gestaltung derKultur und Gesellschaft darbieten.

Ein solches Urkollektiv, wie wir es nennen wollen, muß zwei Eigen-schaften vereinigen: es muß als Einheit erscheinen und muß doch völligungestaltet sein.

Diese Bedingungen erfüllt im Grunde nur e i n Kollektivum: das Volk,mit dem wir uns in diesem Abschnitt denn auch eingehend zu beschäftigenhaben werden.

II

Was istVolk? So lautet die Frage, die immer wiederholt wird und dieauch wir an den, Anfang unserer Betrachtung stellen. Wenn ich Volk alsein Kollektivum bezeichnet habe, so werden manche in diesem Ausdruckeine unstatthafte Einengung der Idee vom Volke erblicken. In der Tatwollte ich mit diesem Worte der Vorstellung auch nur einen vorläufigenAnhalt geben, indem ich eine Eigenschaft des Volkes zu einer Kennzeich-nung heraushob. In Wirklichkeit bezeichnet dieses Wort eine viel um-fassendere Reihe von Vorstellungen. Welche?

Wir kommen der Bedeutung des Wortes Volk in seinem allgemeinstenSinne vielleicht näher, wenn wir es mit dem anderen Worte: Volkheitgleichsetzen. Damit bringen wir zweierlei zum Ausdruck: einerseits dieTatsache, daß das Wort etwas Unwirkliches bedeutet, nämlich das Gegen-stück zur Wirklichkeit: Möglichkeit. In der Tat erscheint uns Volk zunächstals Möglichkeit, Potentia, alles dessen, was Menschen schaffen. Es ist da, ehedenn das Menschenwerk da ist (natürlich nicht zeitlich, sondern sinnhaft);es ist dessen Anfang und Ende, dessen Bedingung und Gewähr, aber es istes nicht selbst. Wenn wir damit zum Ausdruck bringen, daß Volk dieQuelle ist, aus der das gesamte menschliche Dasein in aller seiner Nichtig-keit und aller seiner Größe gespeist wird, so könnte das als Binsenwahrheit,das heißt als Selbstverständlichkeit erscheinen: denn von etwas anderemals dem Volke kann ja das Menschenwerk seinen Ursprung nicht ableiten,maßen ja das Volk in seiner Gesamtheit aller Völker alle Menschen umfaßt:außer dem Volke, neben dem Volke gibt es nichts, das Menschenwerk ver-richten könnte.

Und doch ist es keine Binsenwahrheit, der wir mit dieser FeststellungAusdruck geben, weil wir mit dem Worte einen zweiten Sinn verbinden:Volk bedeutet nämlich andererseits Gliederung. Die Volkheit stehtder Menschheit gegenüber als Teil dem Ganzen: Alles was in der Mensch-heit und durch die Menschheit geschieht, geschieht wesensnotwendig imVolke und durch das Volk oder noch anders ausgedrückt: nach dem Prinzip