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Russen? Ich würde diese Frage dahin beantworten, daß eine Einvolkungauch in der Gegenwart möglich ist, daß aber von Fall zu Fall entschiedenwerden muß, ob sie tatsächlich vorliegt. Als allgemeine Grundsätze, nachdenen der Entscheid zu treffen ist, lassen sich etwa folgende aufstellen: dieEinvolkung wird um so leichter vor sich gehen
1. je länger die Anwesenheit inmitten eines Volkes dauert;
2. je mehr Blutmischungen stattfinden;
3. je größer die Blutsverwandtschaft ist (ein „Arier“ wird z. B. leichterals ein Jude, ein Jude leichter als ein Neger in einem westeuropäi-schen Volke eingevolkt werden können);
4. je enger die aufgezwungene Schicksalsgemeinschaft ist: Kriege!Bedrückung!
5. je mehr das Individuum der Wesenheit des aufnehmenden Volkessich annähert;
6. je stärker sein Wille ist, dem neuen Volke anzugehören;
(hier also wird man der subjektiven Begründung ihr beschränktesRecht lassen müssen).
Noch schwerer zu beantworten ist die Frage nach dem „Austritt“ aus•dem Sprachvolke: wann verliert jemand die Volkszugehörigkeit? WannRört der deutsche Auswanderer in Amerika auf, ein Deutscher zu sein,wann wird er Amerikaner? Wenn er aufhört, deutsch zu sprechen? Oder:■deutsch zu verstehen? Spielt hier der Willensentschluß mit, waren dieKriegsanhänger in den Vereinigten Staaten Amerikaner, die Kriegsgegner
Deutsche usw_ Der Fragen ist kein Ende und man wird hier immer nur
von Fall zu Fall entscheiden können. Vielleicht haben die Anti-Gene-ralisten doch recht, wenn sie behaupten, es gäbe keine allgemeinen Lehren,weil es keine allgemeinen Begriffe gibt. Vielleicht ist auch der Begriff Volk•ein Phantom, es gibt gar kein Volk, es gibt nur ein deutsches Volk, abervielleicht gibt es auch das nicht.
III
Wir sahen, daß es neben dem Staatsvolk und dem Sprachvolk noch einendrittenBegriff Volk gibt, der diese als ein Bestandteil der beiden an-deren Volkskörper faßt: sei es im politischen, im ökonomischen oder imgeistigen Sinne. Von diesen drei Unterbegriffen ist der erste Gegenstand derVerfassungslehre, der zweite der Nationalökonomie und Sozialpolitik, derdritte einer besonderen Volkskunde geworden. Dieser dritte Unterbegriff,der häufig mit dem zweiten in Verbindung tritt, geht uns hier an. Er ist•ein moderner und im weiteren Sinne ein romantischer Begriff: er ist der