Ich glaube es ist ein Fehler vieler „Massenpsychologen “ gewesen, dernicht wenig zur Verrufung ihrer Lehre beigetragen hat, daß sie zu allgemeindie Antwort auf diese Frage dahin _er teilten: das Urteil der Gruppe stehetiefer als das des einzelnen, es finde eine Senkung des geistigen Niveausals Regel statt; getreu dem Worte So Ions : jeder einzelne Athener ist einschlauer Fuchs; auf der Pnyx sind sie eine Herde Schafe oder dem bekann-ten Dystichon Schillers:
„Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
Sind sie in corpore: gleich wird Euch ein Dummkopf daraus.“
Ich glaube vielmehr, daß sich in diesem Falle überhaupt keine allgemeineRegel aufstellen läßt, daß also jedesmal die besonderen Umstände ent-scheiden. Zu diesem Ergebnis führen uns sowohl die Vonvornherein-Er-wägungen als die Erfahrung. Es ist durchaus möglich, daß sich in einemruhig beratenden Gremium die Einsicht durch Zusammenfügung der Kennt-nisse aller einzelnen vermehrt, es ist auch möglich, daß die überlegeneKlugheit eines Mitgliedes alle übrigen von der Irrtümlichkeit ihres Stand-punktes überzeugt oder daß der einzelne ihnen seine Meinung kraft seinerüberragenden Persönlichkeit einfach aufzwingt. Ich glaube, es war derEisenbahnkönig H a r r i m a n, von dem man erzählte, er habe erklärt: „inAufsichtsratssitzungen, deren Mitglied ich bin, wird erst abgestimmt undwenn ich gegangen bin, beraten.“ Wie verschieden die Wirkung der Menge-auf das geistige Niveau sein kann, ersehen wir auch aus dem Vergleichgleichartiger Versammlungen in der Geschichte. Man erinnere sich etwa,des bis zuletzt hohen geistigen Niveaus des Preußischen Herrenhauses unddes geistigen Tiefstandes im Deutschen Reichstage!
Was hier die ganz verschiedenen Wirkungen hervorbringen kann, ist die-Verschiedenheit der Personen, die die Menge bilden, ist die größere odergeringere Vermischung rationeller Erwägungen mit subjektiven Interessen,,ist die Form der Verhandlungen u. a. m.
Einheitlicher kann unser Urteil lauten über die Wirkung der Mengen-haftigkeit in denjenigen Fällen, in denen die Gruppe sich in erregtem Zu-stande befindet, in denen ihre Äußerungen, also insbesondere ihr Handeln,auf irrationaler Grundlage ruhen. Hier wird man im allgemeinenvon einer Steigerung der Intensität der Gefühle sowie einer Verstärkungder Willensimpulse sprechen dürfen. Das hat leicht zur Folge, daß eineMenge eines Gefühls fähig ist, das niemals einzelne haben könnten und sichzu Handlungen bereit findet, die niemals der einzelne ausführen würde-Wobei es gleichgültig ist, ob Gefühle und Impulse edel oder gemein sind,ob es sich um Heldentaten oder Verbrechen handelt. Beide Möglichkeiten.