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Italiener oder Russen sind; gleich, ob sich der Fall in vorgeschichtlicherZeit oder in der Gegenwart ereignet.
Daß bei solch weitgestecktem Rahmen die Feststellungen selber nur vonsehr allgemeiner Natur sein können, leuchtet ein. Eigentlich läßt sich miteiniger Sicherheit nur ein Satz aufstellen: der nämlich, daß der einzelnesich anders in der Menge verhält als allein (obwohl auch dieser Satz nurein Erfahrungssatz, kein denknotwendiger Satz ist). Welcher Art die Ände-rungen seines Verhaltens sind, können wir nur mit viel geringerer, mehroder weniger annähernder Sicherheit sagen, doch ergeben sich immerhineine ganze Reihe wertvoller Erfahrungssätze dieser Art. In fogendem ver-suche ich einen Überblick zu geben über das, was wir auf diesem Gebietbis heute an Erfahrungen gesammelt haben. Daneben aber auch einen Über-blick über die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten des kollektivenVerhaltens des Menschen und ihre Gründe (?1).
Die Mehrheiten, in die der Einzelne versinkt, sind in der Regel räumlichverbunden; sie können aber auch räumlich getrennt sein. Alsdann sind esbestimmte Gerüchte, Ideen, Ansichten, die sich über ein weites Gebiet ver-breiten und in den über dieses zerstreuten Personen ein gleichartiges Den-ken, Fühlen oder Handeln bewirken. Hierher gehören Fälle, wie derGlaube an die Brunnenvergiftung, die Kreuzzugsideen, oder der Hexenwahnim Mittelalter; die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert; jede moderne Börsen-panik; die Furcht vor Spionen oder Verrätern oder der Deutschenhaß derEntentevölker im Kriege u. a.
Immer handelt es sich um die Ausschaltung der Einzelperson undderen Aufgehen in einer Art seelischer Gemeinschaft, also um Kollektivi-sierung des Seelenlebens, was noch keine Kollektivseele im Gefolge zuhaben braucht.
Dabei können wir einen Zustand unterscheiden, in dem die Menge sich inruhiger, affektloser Seelenhaltung befindet und sich urteilend verhält vondem anderen, in dem sie in erregtem Zustande ist und sich fühlend und han-delnd betätigt. Wollen wir diese beiden Zustände durch je eine besondereBezeichnung kenntlich machen, so können wir jenen statisch, diesendynamisch nennen.
In einem statischen, ruhenden Zustande befindet sich also die Menge, derder einzelne angehört, wenn es sich um Versammlungen handelt, die überirgendeinen Gegenstand, der zur Erregung des Affektes keinen unmittel-baren Anlaß bietet, beraten und beschließen sollen: eine wissenschaftlicheKommission, ein Preisrichterkollegium, ein Kriegsrat, ein Aufsichtsrat.
Wie wird sich der einzelne in ihnen verhalten?