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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Losungswort der europäischen Völker, die der ihnen zugewiesene, so reichgegliederte Erdteil in diesem ihrem Streben nach Buntheit unterstützt. Sokommt es, daß wir als Europäer auch stets der Vielheit der Volksindividu-alitäten unsere Liebe zuwenden und in ihr einen Segen Gottes, keinenFluch, wie einst die alten Israeliten, als der Herr die Sprachen in Babelverwirrte, erblicken. Als den Vater derwissenschaftlichen Völkerkundewerden wir wohl H e r o d o t ansprechen müssen. Freilich finden wir überdie leiblichen Eigenarten der von ihm beschriebenen Völker, die uns indiesem Kapitel zunächst beschäftigen, nicht sehr reiche Angaben. SeinInteresse galt ja vor allem den Sitten und Gebräuchen der fremden Völkerund der Beschaffenheit des Landes, das sie bewohnten; dann erst fragte ernach ihrer seelisch-geistigen Eigenart und erst zuletzt nach ihrer Leibes-beschaffenheit. Von dieser spricht er eigentlich nur, wenn ganz besondereAbsonderlichkeiten zu berichten sind, wie Einäugigkeit (IV. 27). Aber auchgewöhnliche Rassenmerkmale hat er gelegentlich doch beobachtet; so wenner von Menschen wohl einem mongolischen Stamme berichtet,dienach der Sage alle von Geburt kahlköpfig sind, Männer wie Weiber, auchplattnasig, dabei ein langes Kinn haben. (IV. 23.) Er vermerkt auch,(IV. 108), daß die Budiner, ein großes und zahlreiches Volk,lauterungemein helläugige und rötliche (blonde) Leute sind.

Ein ähnlicher Typ wie Herodot ist Strabo , der von der äußerenErscheinung der von ihm beschriebenen Völker auch nur spricht, wenn sieAbsonderlichkeiten aufweist. Dagegen wissen die großen römischen Völker-beschreiber Caesar und T a c i t u s uns auch über die Leiblichkeit ihrerStudienobjekte viel Wissenswertes zu berichten.

Das europäische Mittelalter, das sich mehr für d e n Menschen als für dieMenschen interessierte, ist nicht reich an völkerkundlichen Werken. Diewenigen, die bekannt wurden, wie die Reisebeschreibung Marco Polos, begegneten der Verwunderung und dem Spott.

Als dann die Neue Welt entdeckt und die Beziehungen zum Osten regerwurden, entwickelte sich allmählich die Spezies der Reisebeschrei-bungen, die im 18. Jahrhundert durch die aufkommendenanthropologi-schen Interessen lebhaft unterstützt wurden 98 ). Gleichzeitig erwachte inEuropa die Anteilnahme an der Eigenart der zivilisierten Völker und gabeiner umfangreichen Literatur das Leben, die wir als eine Art Länder- undVölkerkunde ansprechen müssen, in der freilich die Beschreibung derVölker ingemein Religio / Gesätz / Sitten / Nahrung / Kleydung undÜbungen wie es in dem bekanntesten Werke dieser Art: in Seb.Münsters Kosmographie (1544) heißt, den breitesten Raum einnahm.

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