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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Leibes, die aus beiden Bestandteilen gemischt sind, wie etwa die Haut-,Haar-, Augen färbe, der Gesundheitszustand, ja bei strenger Betrach-tung sogar das Geschlecht, bei denen allen es Übergänge, Zwischenstufen,Zweifelsfälle gibt.

Die Eigenart eines Kollektivs, wie eines Volkes, festzustellen,gibt es nun zwei verschiedene Verfahren: das induktive und das statistische.

Das induktive Verfahren beruht darauf, aus einem oder mehreren,typischen, Einzelfällen auf die Gesamtheit der Fälle zu schließen; dasstatistische darauf, die Gesamtheit der Fälle festzustellen, das heißtaber die dasselbe Merkmal tragenden Fälle zu zählen. Zählen lassen sichaber nur begrifflich eindeutig bestimmte Eigenschaften. Das statistischeVerfahren ist also nur anwendbar auf die erste der beiden Erscheinungs-formen von Eigenschaften, die begrifflich, und zwar eindeutig erfaßbaren,während das induktive Verfahren bei beiden Arten von Eigenschaften be-nutzt werden kann, und zwar in zwei verschiedenen Formen: der beschrei-benden und abbildenden.

Auf beschreibendem Wege geht die Induktion vor, wenn sie in Wortenüber leibliche Merkmale der Menschen bestimmter Art berichtet, etwa nachdem Vorbilde Linnes :der Amerikaner ist rötlich, cholerisch, aufge-richtet; der Europäer weiß, sanguinisch, fleischig; der Asiate gelblich, me-lancholisch, zäh; der Afrikaner schwarz, phlegmatisch, schlaff. Abbildendist die Methode der Induktion, wenn bestimmt geartete Menschen im Bilde.gezeigt werden. Von diesen beiden Methoden der Induktion ist heute dieabbildende die beliebtere.

Daß die abbildende Methode vor der beschreibenden, zumalheutigen Tages angesichts einer hochentwickelten Bildtechnik und einesdenkfaul gewordenen, nur des Bildbesehens fähigen Publikums, erhebliche"Vorteile besitzt, leuchtet ein. So ist denn auch jede Reisebeschreibung,jedes rassenkundliche Werk, jedes ethnographische Lehrbuch bemüht, rechtviele Abbildungen zu bringen und sich dadurch bei dem der geistigen An-strengung immer mehr entwöhnten Leser beliebt zu machen. Dieser wirdzudem durch den Kulturfilm, die Menge der populären und populär-wissen-schaftlichen illustrierten Zeitschriften mit völkerkundlichem Anschauungs-material vollgestopft und findet in den Völkermuseen noch allerhandplastische Wiedergaben fremder Menschenarten, so daß sich im Geiste desmit der Bildung des Jahrhunderts ausgerüsteten Menschen eine reiche Füllevon Bildern fremder Völker aufgespeichert haben dürfte.

Fremder Völker? Das ist die Frage, die uns hier angeht. Und indemwir diese Frage verneinen, lernen wir die Grenzen kennen, die der induk-tiven Methode überhaupt gesteckt sind.