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Offenbar nämlich vermag diese uns zwar das Bild des einzelnen Volks-angehörigen oder auch einer Gruppe zu vermitteln, vermag aber nichtsüber die Leibesbeschaffenheit aller Volksangehörigen auszusagen. Nur wenndiese eine völlig gleichförmige oder doch ähnliche wäre, vermöchte dasAbbild des einzelnen uns über sie zu unterrichten. Wo diese Gleichförmig-keit fehlt, versagt diese Methode.
Bei Naturvölkern, aber auch bei uns fernstehenden Kulturvölkern (wieetwa den Ostasiaten) täuscht uns unsere Unfähigkeit, die Unterschiede dereinzelnen Personen wahrzunehmen, über das Trügerische der Methode hin-weg. Bis vor gar nicht so langer Zeit trugen wir das Bild „des Chinesen“in uns (einen Mann mit einem Zopf, langem Schnurrbart, listigen Augen,Filzschuhen, kurzer Jacke und gesteppter Mütze), und noch heute glaubenwir, daß das Bildnis eines Wedda uns das Wedda-Volk vor Augen stellt.
Bei den Völkern, die uns verwandt sind, und bei denen wir die unter-schiedlichen Physiognomien deutlich erkennen, also bei allen Völkern derweißen Rasse, verschlägt das nationale Klischee nicht mehr, wo es sich umernsthafte Erkenntnis der völkischen Eigenart handelt. Nur in der Kari-katur lebt es noch weiter als Deutscher Michel, John Bull, Marianne usw.
Völlig im Irrtum befand sich G a 11 o n, als er glaubte, durch Überein-anderphotographieren vieler Gesichter zu einem „Typus“ gelangen zukönnen. Dieses Verfahren hätte allenfalls einen Sinn, wenn die Gesichterschon nach einem bestimmten Typus ausgewählt wären. Aber ebenso-wenig wie man zu dem Bilde „Mensch“ gelangt, wenn man Neger, Eskimosund Europäer übereinander photographiert, ebensowenig wird man einen„Deutschen“ sich vor Augen stellen können, wenn man einen schwarzenBayern , einen blonden Friesen und einen gemischten Rheinländer zurDeckung bringt.
Wie aber gelangen wir zu einem Typus? Indem wir ■—■ ich sagte esfrüher schon — so viele Merkmale häufen, daß der mit ihnen bedachteMensch bildhaft oder anschaulich wird. Dazu gehört aber, daß der leib-lichen Gestalt noch weitere Merkmale hinzugefügt werden, die dem Berufund der Landschaft angehören. Solche Berufs- und Landestypen könneiiwir in der Tat aufstellen, wobei freilich zu bedenken ist, daß wir sie unsmeist durch die ihnen eigentümliche Kleidung oder durch dem Bilde bei-gegebene Gegenstände, mit denen der Mensch umgeht, erst recht anschau-lich machen und einprägen. „Echte Typen“ sind also etwa: der HelgoländerFischer, der neapolitanische Barcajuolo, der abbruzesische Hirt, der olte-nische Bauer, der schlesische Hausierer, der russische Wolgaschiffer; aberauch der Londoner Oberrichter, der Pariser Luxuskellner, der ostelbische-Junker u. ä.