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anderen Ländern zurück. Immerhin werden auch sie in diesem letzten Jahr-hundert nach Millionen zählen.
Rechnet doch das Statistische Jahrbuch in derselben Übersicht mehr alsöy 2 Millionen Menschen heraus, die allein in die Vereinigten Staaten in demZeitraum von 1820 bis 1935 aus anderen Erdteilen eingewandertsind. Dazu kommen dann noch die Wanderungen innerhalb der alten Kon-tinente und aus diesen nach Süd-Amerika, Australien usw.
Haftet nun bestimmten Völkern mehr als andern ein „Wander-trieb“ an? Für die frühe Zeit ist man geneigt, die Frage zu bejahen undWandervölker von seßhaften Völkern zu unterscheiden.
In der Gegenwart, glaube ich, ist jeder Gedanke, die Masse der Aus-wanderer mit irgendwelchen völkischen Eigenarten in Verbindung zubringen, abzulehnen. Heutzutage hängt die Zahl der Auswanderer auseinem Lande ausschließlich ab von der wirtschaftlichen Konjunktur desLandes und — vor allem — von dem Grade der Entwicklung des Aus-wanderungs-Agenturwesens.
Siebzehntes Kapitel: Die seelisch-geistigen Eigenarten der Völker
I
Die Literatur, die seit dem Altertume die verschiedenen Völker beschrie-ben hatte, und die wir in ihren wichtigsten Erscheinungen kennengelernthaben, hat sich ursprünglich auch mit der Erforschung und Darstellung derseelisch-geistigen, also der „inneren“ Eigenart dieser Völker beschäftigt. Inder neueren Zeit ist, wenigstens in der ethnologisch-ethnographischen Lite-ratur dieser Teil der Forschung stark vernachlässigt worden, und man hatsich in diesen Kreisen mehr und mehr auf die Schilderung der Kultur, derGeistes- und Lebensäußerungen, wie man es nennt, verlegt, indem manSitten und Gebräuche, Einrichtungen und Glaubenssätze, Geräte und Woh-nungen zum Gegenstand der Untersuchungen machte. So ist die eigentlichevölkerkundliche Literatur, zumal sie sich, wie wir sahen, in vielen ihrerHauptvertreter auf das Studium der Naturvölker beschränkt, für die Erfor-schung der seelisch-geistigen Eigenart der Völker immer unergiebiger ge-worden.
Man würde sich nun aber täuschen, wenn man annähme, daß dieser For-schungszweig darum verkümmert wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Zuallen Zeiten hat es den Menschen gelockt, den Schleier zu lüften, der überdie innere Wesenheit der Völker gebreitet ist, und dieses Verlangen wuchs,als man in den Tagen der Hamann und Herder den „Volksgeist“ unddie „Volksseele“ entdeckt und damit das deutsche Gegenstück zu dem gönie