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des nations, dem die Franzosen schon lange nachgeforscht hatten, gefundenzu haben glaubte.
Von sehr verschiedenen Stellen aus hat man in neuerer Zeit die seelisch-geistige Eigenart der Völker zu bestimmen unternommen. Und wenn wirjetzt das Schrifttum überblicken wollen, aus dem wir uns Rat holen könnenin dieser schwierigen Frage, so ist es schier unabsehbar.
Drei große Gruppen völkerpsychologischen Materials (wollen wir einmalder Kürze halber sagen) lassen sich unterscheiden.
Da hat sich zunächst eine besondere Wissenschaft dieses Pro-blems bemächtigt, die sich von der Völkerkunde loslöste und den NamenVölkerpsychologie für sich beansprucht, den Sie, wenn wir siespezielle Völkerpsychologie nennen, auch mit einem gewissen Rechteträgt. Das ist der Survival, das Überbleibsel jener um die Mitte des 19. Jahr-hunderts begründeten Disziplin, deren bewegtes und großenteils verfehltesSchicksal wir bereits kennengelernt haben (siehe Seite 164 f.). Der Zusatz„speziell“ für die Lehre von den einzelnen Völkern war von vornhereinvorgesehen und wurde unvermeidlich, seit Wilhelm Wundt den NamenVölkerpsychologie mißbrauchte und mit ihm sein Wissen vom primitiven-Geistesleben bezeichnet hatte. Spezialwerke der speziellen Völkerpsycho-logie kommen seit dem 16. Jahrhundert vor und häufen sich in allen Ländernim Laufe des 19. Jahrhunderts. Ihre Aufzählung erübrigt sich um so mehr,als sie in dem bereits genannten Buche von S g a n z i n i und neuerdings indem beachtlichen Buche von E. II u r w i c z, Die Seelen der Völker, ihreEigenart und Bedeutung im Völkerleben. Ideen zu einer Völkerpsychologie(1920) in übersichtlicher Weise zusammengestellt sind. Dieses Buch kann,obwohl ich seine Ergebnisse großenteils für anfechtbar halte, als zusammen-fassendes Werk stellvertretend für die neuere, völkerpsychologische Spezial 2literatur stehen. Würdige Gegenstücke zu ihm bilden die Werke vonA. F o u i 11 e, Psychologie du peuple frangais (1898) und Esquisse psycho-logique des peuples europeens (1903), die aber schon zur zweiten Gruppehinüberführen.
Diese zweite Gruppe völkerpsychologischen Schrifttums — und sie istwohl die umfangreichste — besteht nämlich aus den gelegentlichen Streif-zügen, die Vertreter anderer Wissenschaften in den Bereich der Völker-psychologie unternommen haben. Es gibt kaum eine Geistwissenschaft, diesich nicht auf diesem Felde betätigt hätte. Ich bringe in folgendem einigedem Kundigen allbekannte Beispiele bei, die das Gesagte bestätigen.
1. Die Philosophie hat zu allen Zeiten die Völkerpsychologie als eine ihrerDomänen angesehen: Plato, Aristoteles , Kant, Hegel, Fichte,von den neueren Nietzsche, Scheler, Fouillö (s. o.), Müller-